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Dienstag, 24. Juni 2008

Bridge of Orchy – Fort William, 20 Kilometer

Man sollte meinen, dass ein alteingesessenes Hotel gewisse Dinge routinemäßig erledigt. Etwa, seinen Gästen das Frühstück kredenzen. Doch manchmal irrt man sich in seinen Annahmen. Im Bridge of Orchy-Hotel lief einigermaßen alles schief, was beim Frühstück schief gehen kann. Allerdings habe ich den Verdacht, dass das nicht am Hotel selbst lag, sondern an der Dame mittleren Alters, die ein Gesicht zog wie Grotgork, weil sie uns bedienen musste. Es gab also Tassen, aber es gab keinen Tee. Es gab Toast, aber keine Teller. Dann kam Tee, aber Zucker und Milch fehlten. Dann kam ein Teller, aber kein zweiter. Und außerdem kippelte der Tisch wie verrückt. Geschmeckt hat das Frühstück trotzdem, besonders das Porridge.

Wir brachen mit steifen (und mit "Deep Heat"-Salbe eingeschmierten) Achillessehnen um 8:30 Uhr auf, allerdings gaben wir vorher noch unsere Rucksäcke an der Rezeption für Travel-Lite auf. Für acht Pfund pro Tasche sollten sie nun von hier zum King's House Hotel transportiert werden, dem Ziel des Tages.

Von meinem Rucksack hatten wir das Deckelfach gelöst, in das wir unsere Regenhosen und den mit Wasser gefüllten Platypus verstauten. Das Erste-Hilfe-Paket wanderte an den Gurt der vor dem Urlaub gekauften Kängurutasche, in der wir alles Wichtige stets am Mann transportierten: Papiere, Kamera, Müsliriegel, Schmerztabletten und Blasenpflaster.

Noch als wir vor dem Hotel Wasser in den Platypus füllten, attackierten uns die ersten Midgie-Schwärme. Sofort setzten wir unsere in Tyndrum erworbenen Mückennetze auf den Kopf und hatten unmittelbar Ruhe vor den Plagegeistern. Zumindest am Kopf. Die Hände jedoch waren nur bei Bewegung oder Wind Midgie-frei. So zogen wir also los, total lächerlich aussehend mit unseren olivfarbenen Netzen auf den Köpfen.

Als erstes kam ein Hügel, der uns Tags zuvor Sorge bereitet hatte, weil er laut Landkarte ziemlich steil war. Die Höhenlinien lagen ziemlich eng zusammen, und aus dem Druck ging nicht eindeutig hervor, wie steil wir würden gehen müssen. Lustigerweise bereitete uns der Berg keinerlei Probleme. Wir fanden die ganze Tour rauf und runter als ziemlich einfach. Später kamen wir darauf, dass dieses Empfinden möglicherweise ans Fehlen unserer Rucksäcke gekoppelt war.

Es folgte eine wunderbare Wanderung durch die Highlands – ohne Sicht und bei absoluter Windstille. Unsere Sichtweite betrug vielleicht ein Kilometer, vielleicht auch zwei, danach verschwand die Landschaft im Dunst. Die Sonne schien den ganzen Tag nicht, die tief hängenden Wolken lösten sich nicht auf. Dadurch, dass kein Wind blies, erklärten die Midges diesen Tag zu ihrem persönlichen Nationalfeiertag. Und das wiederum hieß, dass wir uns überlegen mussten, wie wir essen und trinken würden, ohne selbst zur Nahrung zu werden. Die Lösung war einfach: Während man sich bewegt, landen die Midges nicht, weil der "Fahrtwind", den man verursacht, offenbar unangenehm für sie ist. Das hieß, dass wir während des Gehens essen mussten. Wir hatten ohnehin nur Müsliriegel dabei, daher war das auch praktikabel. Netz hochklappen (huch! frische Luft!), essen, Netz wieder runterklappen.

Trinken war ebenso einfach. Ein Platypus sieht aus wie eine durchsichtige Capri-Sonne-Tüte mit zwei Litern Fassungsvermögen, nur dass der Inhalt in aller Regel nicht so chemisch schmeckt. Er hat oben etwa da, wo bei der Capri-Sonne der Trinkhalm rein muss, einen Schraubverschluss. Den Verschluss schoben wir unter dem Netz durch und drückten das Wasser einfach nach oben durch den "Trinkhalm". Bis die Midgies diesen Trick raushatten, waren wir nicht mehr durstig.

Auf halber Strecke nervte mich irgendwas in meiner Cargohose am rechten Bein. Ich blieb stehen und öffnete die Hose, um nachzusehen, was das war. Und ach du je - es war der Schlüssel zu unserem Bunkhouse-Zimmer. Ein riesiges Teil, das ich eigentlich hatte abgeben wollen, dann aber in die Tasche gesteckt hatte, um die Hände zum Platypus-Füllen frei zu haben. Was denn nun? Zurücklaufen? Katja hatte zwar ihr Handy mit in der Umhängetasche, aber die Telefonnummer des Hotels lag mit unserem Reiseführer zusammen im Rucksack, der gerade per Lieferwagen durch die Gegend geschaukelt werden dürfte. Obwohl...? Ich hatte ja von Tyndrum aus das Bunkhouse reserviert, also müsste die Nummer doch noch gespeichert sein! Aber – haben wir hier überhaupt Empfang, mitten im Rannoch Moor? Funkmasten konnten wir nirgends sehen. Katja schaltete das Telefon ein. Wir warteten auf die Signalstärke. Eine halbe Minute passierte nichts. Dann: Vodafone UK, volle Leistung.

Ich rief im Bridge of Orchy Hotel an und berichtete über meinen Fund. Dort lachte man nur und sagte, ich sei nicht der erste, dem das passiert sei. Im King's House solle ich den Schlüssel einfach abgeben und per Travel-Lite zurückschicken lassen. Die sind ja mal cool, die Leute.

Weil wir uns ob unserer geschundenen Fersen recht langsam bewegten, überholte uns eine englische Reisegruppe. Keiner von diesen Leuten war gegen Midgies gerüstet, alle wedelten permanent mit den Händen in der Luft herum. Einer sagte im Vorübergehen zu Katja: "I'll give you one thousand Pounds for that hat." Aber da, so fanden wir, wäre er wohl ein bisschen zu billig davongekommen. Schließlich hatten wir noch zehn, elf Kilometer vor uns! (Später stellte sich übrigens heraus, dass die englische Reisegruppe eigentlich eine deutsche Reisegruppe war, und der Typ mit dem 1000-Pfund-Angebot ihr hervorragend deutsch sprechender Reiseleiter.) Außerdem trafen wir unsere erste Reisebekanntschaft wieder, jenem allein reisenden Schotten aus Glasgow, der kurz vor Drymen auf dem Campingplatz geblieben war.

Die Highlands hätten wunderschön sein können, wenn wenigstens ein bisschen Wind gegangen wäre und die Midges vertrieben hätte. So aber steckten wir in unseren Mückennetzen fest, hinter deren dünner Stofflage sich trotz nur 10 oder 13 Grad Außentemperatur eine drückende Schwüle aufbaute. Sogar unsere Brillen beschlugen. Ich setzte meine ab und steckte sie in die Tasche. Im Gegensatz zu Katja bin ich nicht wirklich auf die Sehhilfe angewiesen.

Der Weg lief durch absolute Einsamkeit. Einige Kilometer östlich von uns verlief die Schnellstraße zwischen Glasgow und Fort William, die wir ab und zu sehen, jedoch nie hören konnten. Hätten wir aus irgendeinem Grunde zur Straße gemusst, wären wir aufgeschmissen gewesen. Sie war durch das Moor, das sich insgesamt noch für weitere 30 Kilometer nach Osten erstreckt, so gut wie unerreichbar. Damals in Irland hatten Béla und ich für eine Strecke von nur vierhundert Metern in vergleichbarem Terrain eine satte Stunde benötigt - und hinterher waren wir ziemlich kaputt.

Doch hatten wir gar keinen Anlass, zur Straße zu wollen. Der Weg, auf dem Katja und ich liefen, verlief deutlich oberhalb der Schnellstraße. Er bestand größtenteils aus einer alten Militärstraße der britischen Besatzer und war einigermaßen einfach zu gehen. (Andererseits haben die Römer 1500 Jahre früher bessere und haltbarere Straßen gebaut als die englische Armee im 18. Jahrhundert.) Wir fragten uns, unter welchen Umständen der Weg wohl gebaut worden war. Schottische Sklavenarbeiter? Ausländische Kriegsgefangene? Britische Strafkompanien? In jedem Fall haben die Arbeiter und ihre Aufseher wohl unsäglich unter den Midges leiden müssen.

Schließlich konnten wir unser Etappenziel King's House Hotel von unserem Weg aus sehen: ein weißer Fleck vor einem riesigen Bergmassiv. Links und rechts sonst nichts, nichts, nichts als Ödnis und der Schnellstraße als Verheißung von Zivilisation.

Die Bezeichnung "King's House" zeigt deutlich die schottische Wertschätzung gegenüber englischer Monarchengeschlechter: Als es den Namen erhielt, handelte es sich bei dem Gebäude um eine Viehtreiberunterkunft.

Etwa zwei Kilometer vor dem königlichen Gemäuer steht ein Schild mitten in der Pampa: "Cafe open 9-4". Darunter ein Pfeil nach links, der auf einen kleinen, offenbar frisch angelegten Weg weist. Dort geht es zum größten schottischen Skigebiet, dessen Café eben auch im Sommer offen hat. Wir entschieden uns ob der frühen Stunde, dorthin zu gehen.

Zunächst waren wir die einzigen Gäste in diesem modernen, wenig gemütlichen, aber vollständig aus Holz gebauten Cafékomplex. Doch wie so oft: Kaum hatten wir unsere Soups of the day bestellt (ja, es gab zwei: Carrots and Sweet Potatoes sowie Spicy Sweet Tomatoes; erstere war sehr, sehr gut, letztere schmeckte ein bisschen wie verdünnte Miracolì-Soße) stürmte eine Horde von zwei Leuten das Etablissement. Übrigens gab es hier kostenlosen Internet-Zugang. Um in den Genuss des Bloggens zu kommen mussten jedoch zwei Hürden überwunden werden: Erstens wurde die Geduld auf die Probe gestellt, denn anscheinend hatte es jemand geschafft, einen 386er mit Windows XP auszustatten. Dies war der definitiv langsamste PC, den ich je gesehen habe. Außerdem lag das @-Zeichen nicht da, wo es laut Tastaturbedruckung der englischen Standard-Windows-Tastatur hätte liegen müssen. Da ich Mac-User bin, weiß ich eh nicht, wo bei Windows das @-Zeichen liegt, und dann noch auf einer UK-Tastatur? Das @-Zeichen ist jedoch wichtig zum Bloggen, weil ich hier zur Anmeldung meine E-Mail-Adresse eingeben muss.

Ich behalf mich, indem ich eine Seite aufrief (rödel, rödel), auf der ein @ zu sehen war, kopierte es in die Zwischenablage und setzte es dann an entsprechender Stelle im Login-Fenster wieder ein. Und das alles im 386er-Tempo von 1993. Immerhin konnte ich ein paar Zeilen schreiben.

Unterdessen machte sich Katja Gedanken über die kommenden Tage – und entschied, dass wir die Wanderung beendeten. Allerdings schaffte sie es später, mich davon zu überzeugen, dass das einzig und allein meine Idee gewesen war. Wir verließen das Café und liefen zum zwei Kilometer entfernten King's House Hotel. Draußen tobte ein frischer Wind – die Midges waren gottlob endlich fortgeblasen.

Wir hatten bereits vorher durch Chris und Steve in Erfahrung gebracht, dass das King's House Hotel voll war. Wir wussten auch, dass die daneben gelegene Wiese, auf der man für eine Nacht zelten darf, keinerlei sanitäre Einrichtungen hat und das Hotel dem Zelter nicht zur Verfügung steht. Darum tranken wir einen Tee mit dem Schotten aus Glasgow, den wir in der Bar des Hotels trafen (wo ich den Schlüssel für Bridge of Orchy abgab und mich nach unserem Gepäck erkundigte) und der uns erzählte, er habe sich sein Zimmer bereits im Januar (!!) gebucht, um sicher für diese Nacht unterzukommen. Gegen 17 Uhr verabschiedeten wir uns, schauten auf dem Zeltplatz noch einmal nach Chris und Steve (wo bleiben die denn?) und gingen dann zur Straße, um auf den Bus nach Fort William zu warten.

Die Wolken, die dank des plötzlich aufgetretenen, munteren Windes endlich auch zu sehen waren, weil der Dunst mitsamt den Midges weggepustet worden war, waren phänomenal. Sie türmten sich an den Bergen auf, stiegen empor, krabbelten über ihre Gipfel und sanken auf der anderen Seite wieder herab. Doch dann kam schon der Bus, der uns leider viel zu schnell durch Glen Coe nach Fort William trug.

Glen Coe. Das schönste Tal Schottlands, so sagen viele.
Katjas Erinnerung an Glen Coe ist: grün.
Meine Erinnerung an Glen Coe ist: Berge und Kurven. (Katja hatte im Bus "Extra für dich!" einen Sitz gewählt, von dem aus ich eine großartige Aussicht auf eine, nun ja, recht freizügig bekleidete und wohlgeformte Schottin hatte.)

Fort William ist die größte Stadt der Highlands und eine Touristenfalle, weil es direkt am Fuße des Ben Nevis gelegen ist, dem mit tausendzwohundertirgendwas Metern höchsten Berg der britischen Inseln. Interessanterweise ist der Ben Nevis 300 Tage im Jahr nicht zu sehen, trotzdem ist das Nest voller Bergsteiger und Tagesausflügler. Entsprechend teuer ist hier alles. Das Hotel, in dem wir schließlich Unterkunft fanden, war nichts besonderes, kostete aber 40 Pfund pro Nase. Das Essen, das wir in der Fußgängerzone in einem wenig anheimelnden Restaurant/Pub hatten, war okay bis gut, aber mit über 20 Pfund eigentlich auch zu teuer für Schottland: Katja hatte ein überbackenes Hähnchenschnitzel, ich einen (sehr guten) Angus-Beef-Burger. Dazu kamen zwei Limonaden. Anschließend haben wir noch das Ende des West Highland Ways gesucht und gefunden und ein paar Beweisfotos gemacht. Allerdings ging mir dieser Spaziergang zum Schluss des Tages ganz schön auf den Nerv, genauer: auf die Sehne. Mittlerweile machte ich mit dem rechten Bein derartige, falsche Ausgleichsbewegungen, dass meine ganze rechte Wade hart war und mir das ganze Bein weh tat. Die letzten 500 Meter ins Hotel dachte ich nicht schaffen zu können. Ich humpelte und hinkte, es tat fürchterlich weh. Endlich kamen wir im Hotel an. Unser Zimmer hatte eine Badewanne, das Wasser war heiß und es hatte Druck. Selten habe ich mich so sehr über ein richtig heißes Bad gefreut. Ich stieg hinein (aaaaaaaah!), setzte mich, legte mich ab und blieb erst einmal liegen. Sofort wurde es meinem Bein besser. Ich blieb so lange im heißen Wasser sitzen, bis ich ganz verschrumpelt war und sich Katja beschwerte, weil sie auch noch baden wollte. Aber als sie dann drin saß sagte sie: "Hier gehe ich nie wieder raus!"

Währenddessen lief eine faszinierende Kochshow im Fernsehen. Das Ding hieß "The f-word". Zu Hause muss ich mal nachforschen, was genau das ist. Schließlich (auch Katja war mittlerweile wieder aus der Wanne aufgetaucht) gingen wir ins Bett. "Lass uns morgen mal ein bisschen länger schlafen", sagte Katja noch und stellte den Wecker auf 8 Uhr.

Die Midgie-Saison ist eroeffnet!

Heute sind wir von Bridge of Orchy nach King's House gewandert, das sind knapp 20 km quer durch die Highlands, mitten durch ein Moor, fernab jeglicher Zivilisation. Naja, wir sind noch nicht ganz dort angekommen, aber wir koennen es sehen, das Haus des Koenigs. Es handelt sich um eine alte Viehtreiberunterkunft, die jetzt als Hotel fungiert. Und damit ist es die einzige Unterkunft im Umkreis von 20 km. Es ist voll, deshalb haben wir keine Eile. Im Moment sitzen wir im Cafe von Schottlands einzigem Skigebiet (direkt am King's House, nur 2 km entfernt) und goennen unseren geschundenen Fuessen ein bisschen Ruhe und unseren Ohren eine schoene alte Scheibe von Whitney Houston.

In den Highlands gibt es eine Insektenart, Midgies genannt, die nur unwesentlich groesser als unsere Gewittertierchen sind. Allerdings fressen einen Gewittertierchen im Gegensatz zu Midgies nicht auf. Midgies sind im Prinzip kleine, in riesigen Schwaermen vorkommende Muecken, die kuehles, nicht zu sonniges Wetter moegen. Das heisst, dass sie dann rauskommen, wenn auch Wanderer gern unterwegs sind. Und heute war es ganz schlimm mit den Viechern. Denn es wehte kein bisschen Wind, der sie sonst vertreiben wuerde. Deshalb gibt es wirksamen, mechanischen Schutz: ein feines Netz, das man sich ueber den Kopf und Hut haengt. Sieht total laecherlich aus, sichert aber eine heile Haut. Uns ueberholte ein Schotte, der im Vorbeigehen "I'll give you one thousand Pounds for that hat" sagte. Aber da waere er ein bisschen billig weggekommen, fanden wir.

Sowohl Katjas als auch meine Achillessehne schmerzt, bei ihr links, bei mir rechts, zudem soll das Wetter zunehmend schlechter werden, von daher ueberlegen wir, wie es ab morgen weitergehen soll. Moeglicherweise brechen wir an dieser Stelle ab und fahren mit dem Bus nach Skye?

Sonntag, 22. Juni 2008

Erster Post in Schottland

Wir sind da. Uns geht es gut. Das Wetter ist schottisch: "It's raining cats and dogs." Das sind die wichtigsten Botschaften des Tages. Tut mir Leid, dass wir uns nicht frueher gemeldet haben.

Dies ist das erste Internet-Cafe, das wir gefunden haben, und wir sind bereits in Tyndrum. Die ersten drei Tage von Milngavie bis Drymen, von Drymen bis Cashel und von Cashel bis Inversnaid waren derart koerperlich anstrengend, dass wir gestern bei halbwegs schoenem Wetter einfach mal einen Tag Pause im Inversnaid Hotel gemacht haben. Und heute Nacht ging es dann los mit dem Weltuntergangswetter. Darum haben wir uns entschieden, die als schwierigste und gefaehrlichste geltende Strecke des West Highland Ways zwischen Inversnaid und Inverarnan nicht zu Fuss zu gehen, sondern mit dem Bus zu fahren. Dann haben wir noch ein paar Kilometer im Bus drangehaengt, um ein bisschen zu trocknen. Das haben wir getan, und da sind wir jetzt.

Das Internet-Cafe ist gar nicht mal so teuer, wird aber ueber Muenzen betrieben, von denen wir nicht viele haben (Gewicht!). Darum kann ich nicht alles posten, was ich gerne posten moechte. Wir fuehren allerdings Tagebuch, so dass wir unsere Erlebnisse auf jeden Fall nachtraeglich einstellen werden.

Heute bleiben wir in Tyndrum und schlafen im teuersten Bed & Bedfast, das uns bislang untergekommen ist (28 £ pro Nase), und da ist noch nicht einmal eine Toilette im Zimmer. Aber eine Dusche. Naja, mal schauen.

Wir melden uns so schnell wie moeglich wieder. Bis dahin alles Gute and a safe journey!

Samstag, 21. Juni 2008

Inversnaid

Es ist der längste Tag des Jahres. Leider sieht man nicht allzu viel davon. Es regnet zwar nicht, aber die Wolken hängen tief über dem Loch.

Es gibt nicht viel zu tun in der Ödnis von Inversnaid. Das Personal langweilt sich, weil die Gruppe ältlicher Leute, der das Hotel derzeit gehört, mit der Fähre aufgebrochen ist, um sich anderswo zu vergnügen, und das Hotel so in himmlischer Ruhe gelassen hat.

Wir haben das Zimmer wechseln können und sind jetzt in Raum 238, wo es zwar heißes Wasser gibt, aber der Wasserdruck geradezu lächerlich winzig ist. Außerdem haben wir keine Wanne mehr, sondern nur noch eine Dusche. Die Hälfte des Wassers dieser Dusche strömt, nein: rinnt direkt an der Wand herunter, während die andere Hälfte vom Duschkopf herabtröpfelt. Ansonsten hat dieses Badezimmer nur ein Viertel der Fläche des vorherigen Bades, kein Fenster, dafür aber ersatzweise einen funktionsunfähigen Lüfter. Ansonsten ist das Zimmer ordentlich und liegt nur in 20 Meter Luftlinie zum milde rauschenden Wasserfall.

Katja ging hinaus, um ein paar Fotos zu machen, während ich dieses Tagebuch schreibe. In der Lounge, in der ich sitze, steht ein Süßigkeitenautomat, der mich bald wahnsinnig macht. Als ich in die Lounge eintrat, dachte ich noch: "Oh, der Kühlermotor von dem Ding summt aber laut." Dann saß ich fünf Minuten. Und dann sprang der Kühlermotor erst an. Ich dachte, da hebt ein Kampfbomber ab. Irgendwann kam dann auch noch eine osteuropäische Dame vom Personal und entleerte klimpernd den Geldbehälter des Automaten. Fürchterlich.

Nachmittags wusch Katja unseren ersten Schwung Wäsche im Waschbecken. Auch das Waschbecken zeichnete sich gleich der Dusche durch eine Armatur mit eingebauter Benetzungsautomatik aus. Nun hängt unsere Wäsche auf der Leine und im Schrank zum Trocknen. Bis morgen früh, wenn wir wieder abreisen, sollte alles trocken sein. Schließlich haben wir einen Haufen Kohle in diese schnell trocknende Funktionswäsche gesteckt.

Ansonsten passierte absolut nichts. Wir warteten aufs Abendessen (Katja nahm das Hoki-Filet, ich den Truthahnbraten), danach sahen wir zu, wie die von einem Holländer trainierten Russen die Niederländer des Turniers verwiesen. Währenddessen begann es draußen zu regnen.

Morgen geht es nach Inverarnan, das sind etwa zehn Kilometer, nicht allzu viel, aber die Etappe soll eine der anstrengendsten der ganzen Strecke sein, und außerdem die gefährlichste, weil man teilweise hoch über dem Loch Lomond über Klippen klettern muss. Gerade, wenn es nass ist, soll das ziemlich rutschig und kein Spaß sein. Hoffentlich hört der Regen bald auf.

Freitag, 20. Juni 2008

Cashel–Inversnaid, 18 Kilometer

Katja konnte mir einen tollen Wetterbericht der letzten Nacht geben, da sie leider kein Auge hat zumachen können: Erst hatte es stark gewindet, dann später kam Regen dazu. Anschließend wurde das Wasser wieder vom Zelt heruntergepustet, und dann legte sich der Wind. Die erste Nacht im neuen Zelt war also leider ziemlich ernüchternd für sie. Nicht so für mich: Mein Schlaf war erholsam, meinen Muskeln ging es - nach einer kleinen Anlaufphase - hervorragend. Nur meine Achillessehne will einfach nicht besser werden. Aber das wird schon!

Zum sonnigen Frühstück (der heftige Wind hatte sich über Nacht ja bereits gelegt) gab es Müsli mit Milchpulver und eine Scheibe pappigen britischen Brotes mit Zitronengelee, das wir in Mollgäi beim B&B stibitzt hatten. Die Vögel hier sind sehr zutraulich, wie es Tierfreunde vermutlich nennen würden. Besser gesagt sind sie rotzfrech. Sie kommen bis auf einen halben Meter etwa herangehopst und gucken, ob sie was abstauben können. Bei uns allerdings können sie das nicht. Wir essen alles selber auf.

Nachdem wir Zelt, Schlafsäcke, Isomatten und alles andere Zeugs gerade in die Rucksäcke verpackt hatten, begann es aus heiterem Himmel heftig zu regnen. Und das, obwohl die Regenwahrscheinlichkeit für heute bei unter 50 Prozent lag. Vermutlich bedeutet das: "40 bis 50 % - heftige, aber nur kurze Schauer." Denn nach nur fünf Minuten war alles vorbei und die Sonne kam wieder heraus. Wir brachen auf. Kaum waren wir nur zehn Minuten unterwegs, meldete sich wieder meine Achillessehne zu Wort. Besonders hügelabwärts schmerzte sie sehr, aber auch in der Ebene, während hangaufwärts zu gehen kein Problem darstellte. Hangaufwärts störten nur die knapp 20 Kilo auf meinem Rücken.

Auf dem schmalen Pfad entlang des Loch Lomond trafen wir an einem Parkplatz zwei Arbeiter, die damit beschäftigt waren, den West Highland Way gartentechnisch in Schuss zu halten, sprich: Sie kappen die vielen Ranken am Pfadesrand. Mit ihnen kamen wir ins Gespräch. Als sie hörten, wir seien Deutsche, fragten sie uns, ob wir denn das "tolle Fußballspiel gestern" gesehen hätten. Nein, wieso? Deutschland habe Portugal spektakulär mit 3:2 besiegt, und dieser hässliche Blonde habe hervorragend gespielt, während Ballack "absolutely genious" gewesen sein soll. Wie bitte? Deutschland hat Portugal besiegt?? Unfassbar. Da vergaß ich glatt meine Achillessehne für ein paar Minuten. Endorphine tun halt doch ihre Wirkung. :-)

Schließlich, nach endlos scheinenden sechs oder sieben Kilometern, kamen wir in den Ort Rowardennan. Ort? Am Ortseingang: eine Ferienhaussiedlung, dann ein Hotel. Dann 500 Meter gar nichts, dann ein Parkplatz und eine offiziell wirkende Hütte, deren Sinn wir aber nicht zu ergründen gedachten. Vielleicht die lokale Vogelwarte? In einem Kilometer Entfernung sollte dann noch die Jugendherberge kommen, und das wäre es dann mit Rowardennan. Zunächst ließen wir uns aber auf dem Parkplatz direkt am Wasser auf einer Bank nieder. Die Straße endete hier, daher gab es auch keinen großen Autoverkehr. Auf der Parkbank analysierten wir meine Schmerzen in der Ferse und beschlossen, noch den Kilometer in die Herberge zu gehen und dann dort für eine oder zwei Nächte zu bleiben und meinem Fuß eine Pause zu gönnen. Zwar soll dort kein Frühstück serviert werden, dennoch hat das Etablissements gute Kritiken bekommen.

So hinkte ich denn Katja hinterher. In der Einfahrt zur Jugendherberge (hier führte eine andere Straße hin, während der West Highland Way immer schön am Ufer des Lochs bleibt) holzte eine Horde von für diese Tätigkeit unangemessen bekleideten Damen und Herren (die sahen alle aus, als hätte ein wildgewordener Polizist wahllos 20 Autos angehalten und die Insassen zu Fronarbeit verdonnert) den halben tropischen Regenwald ab, der sich in Form riesiger Rhododendren in der Einfahrt zur Herberge breit gemacht zu haben schien. Auf dem Parkplatz des Anwesens (nicht anders kann man die Jugendherberge nennen) standen die 20 Fahrzeuge, die der wildgewordene Polizist herausgewunken zu haben schien. "Die gehören doch hoffentlich zu den Arbeitern", sagte Katja, doch wir wurden enttäuscht. Ein Schild an der Rezeption sagte unmissverständlich, dass man "Full for Tonight" sei.

Was tun? Wir hatten uns doch für etwas Ruhe entschieden - ein paar Stunden keinen Stress für meine Ferse. Zurück nach Rowardennan? 1,5 Kilometer bis zum Hotel? Nein danke. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Dann lieber weiter. Wir konsultierten die Karte. Das nächste offizielle Etappenziel war das Hotel in Inversnaid - viel zu weit weg. Aber vorher sollte es noch einen ofiziell-wilden Zeltplatz und kurze Zeit später eine Lodge geben, die auf der Karte mit einem Bettensymbol versehen war, einige Kilometer vor Inversnaid dann auf dem unteren Weg (der Weg teilte sich 300 Meter nach der Lodge in einen Höhen- und einen alternativen Uferweg) noch eine Schutzhütte. Wir entschieden, zum Zeltplatz weiterzugehen. Meine Ferse rieben wir großzügig mit Mobilat ein, das einzige Mittel, das wir für solche Fälle mitgenommen hatten. Ich benutzte es schon seit zwei Tagen.

Bis zum Zeltplatz (und noch darüber hinaus) waren Massen an Leuten damit beschäftigt, Rhododendron zu vernichten. Soll der hier ausgerottet werden? Oder nimmt er einfach nur Überhand und wird einmal alle zehn Jahre zurückgeschnitten? Auf dem Zeltplatz rauchte es gewaltig; dort schien das ganze abgeschnittene Holz dann verbrannt zu werden. Also: Weiter zur Lodge. Immerhin war der West Highland Way hier ein gut ausgebauter, breiter Forstweg ohne große Steigungen oder Senken.

Der Weg dorthin muss für Katja eine Qual gewesen sein. Ständig hörte sie mein Jammern hinter sich: "Au!", "Geh nicht so schnell", "Ich brauch 'ne Pause" und so weiter und so fort. Doch sie nahm es mit großer Gelassenheit. Mir kreiste die ganze Zeit die Erinnerung an unsere 2006-er Weserwanderung von Hannoversch-Münden bis beinahe Hameln im Kopf herum: "Wieso immer ich, und wieso immer der rechte Fuß?" Damals hätte ich mir beinahe einen Ermüdungsbruch zugezogen.

Schließlich kamen wir über einen wunderschönen, Rhododendron-gesäumten Weg, der vom West Highland Way abbog, zur Lodge. Es handelte sich um ein hübsches, kleines Haus direkt am Ufer des Loch Lomonds, dahinter erstreckte sich eine frisch gemähte, grüne Wiese. Aber niemand war da. Was nun? Zurück zum Hotel in Rowardennan - mittlerweile fast drei Kilometer hinter uns, die wir noch einmal würden laufen müssen - oder lieber voran in Richtung Inversnaid auf dem unteren Weg, wo noch die Schutzhütte liegt?

Zunächst versuchten wir, telefonischen Kontakt zum Bunkhouse in Inversnaid herzustellen, um herauszufinden, ob es für uns noch einen Platz gab. Ein Bunkhouse ist eine Kategorie unter Jugendherbergen angesiedelt. Wir bekamen jedoch nur ein "Piep-Piep-Piep", dann brach die Verbindung ab. Mehrfach. Also versuchten wir es im Inversnaid Hotel. Mit dem gleichen, frustrierenden Ergebnis.

Ich schluckte Traumeel, ein Mittel gegen Entzündungen, das in Kombination mit dem allmählich wirkenden Mobilat ein kleines Wunder wirkte: Ein warmes Gefühl durchlief mich, dann konnte ich einigermaßen laufen. Jetzt allerdings machte sich - glücklicherweise nicht nur bei mir - die allgemeine Anstrengung bemerkbar, denn die Rucksäcke zogen uns ganz schön nach unten, denn wir mussten ganz schön nach hügelaufwärts krabbeln, um zur Abzweigung von Höhen- und Uferweg zu kommen. Oder hatten wir die Abzweigung schon verpasst? Doch zunächst trafen wir auf eine Schlange. Sie war etwa 30 cm lang, braun und wies keinerlei Zeichnung auf. Schlange oder Blindschleiche? Züngeln Blindschleichen mit gespaltener Zunge? Keine Ahnung.

Gerade als die Schlange den Abgang in die Büsche wagte, kamen drei mollige Damen den Hügel hinaufgeächzt. Eine davon identifizierte das Reptil als "Maybe a grass snake". Das wäre dann eine Ringelnatter. (Nach späteren Vergleichen bei Wikipedia glauben wir nun übrigens doch eher an eine Blindschleiche.)

Wir wanderten weiter und ließen die drei hinter uns pausieren. Stetig ging es hügelaufwärts. Längst hätten die 300 Meter nach der Lodge vorbei sein müssen, nach denen sich der Weg gabelt. Andererseits könnten wir aufgrund der Anstrengungen auch einfach ein ziemlich schlechtes Entfernungsgefühl haben. Zudem stand ich unter Drogen: Traumeel und Mobilat.

Wir tranken gerade einen Schluck Wasser, also uns die drei Damen wieder einholten. Sie waren definitiv fitter als ihr molliges Äußere Glauben machte. Wir fragten sie, ob auch sie heute nach inversnaid gingen. So kamen wir ins Gespräch, im Verlauf dessen ich mein Leid mit der Achillessehne (na, was heißt Achillessehne auf Englisch?) klagte, und dass wir nicht wüssten, ob wir in Inversnaid unterkommen können, da unser Telefon nur doof piepte. Eine der drei Ladies zog ihr Telefon heraus und rief kurzerhand und problemlos dort an. Sie buchte uns ein Zimmer und meldete, dass wir ungefähr gegen 18 Uhr dort ankommen würden.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die drei uns ganz gut verstanden haben. Aber wir verstanden wenig von dem, was die drei erzählten ... Doch eins war klar, denn die Frau mit dem Telefon war eine Einheimische, und sie sagte, dass wir lieber den Höhenweg gehen sollten, und *nicht* den Uferweg. Der Höhenweg sei und bleibe ein Forstweg mit nur leichten Steigungen und Gefällen. Der Uferweg hingegen sei heftiger. So entschieden wir uns denn für den Höhenweg. Doch auch ohne diesen Umschwung wären wir wohl auf dem Höhenweg geblieben, denn wir konnten die Abzweigung beim besten Willen auch später nicht finden.

Die Damen verabschiedeten sich, und wir zockelten hinterher. Nach einer halben Stunde hatten wir sie wieder, denn sie hatten es sich an einem Aussichtspunkt mit Parkbank gemütlich gemacht. Wir gingen, Traumeel-gedopt, weiter.

Schließlich, laut Karte 4,5 Kilometer vor Inversnaid, kam von links ein Trampelpfad herauf, und ich witzelte, dass das bestimmt der Uferweg sei, der hier wieder auf den Hauptweg stoße. Im Nachhinein war das so witzig nicht, denn der Pfad schien tatsächlich der großartig im Reiseführer beschriebene Uferweg gewesen zu sein.

Nun ging es auf einem schmalen Pfad weiter, nicht mehr auf dem guten Forstweg. Entsprechend langsamer wurden wir und entsprechend weniger wirkte das Traumeel. Der Pfad war ziemlich anstrengend: über Stock und Stein, Fels und Bach, rauf und runter, immer entlang am Loch Lomond und (fast) immer im Wald. Sobald wir anhielten, fielen kleine Fliegen über uns her, wohl angezogen vom Schweißgeruch. Die "typische" Highland-Szenerie (Matsch, Moor, Felsen, Heide) hatten wir bisher nur am Conic Hill, und der markiert lediglich die Grenze zwischen High- und Lowland, gehört aber noch nicht wirklich dazu.

Plötzlich, irgendwo auf dem Weg, stank es erbärmlich. Und da waren sie: vier wilde Ziegen, riesige Viecher mit riesigen, gefährlich aussehenden Hörnern. Sie standen einfach oberhalb des Pfades und fraßen. Sie beäugten uns neugierig, ließen sich aber nicht stören und schienen auch nicht aggressiv zu sein. Im Reiseführer stand, dass man sie "mit etwas Glück" sehen könne, aber auf jeden Fall zuerst riechen würde. So war es in der Tat.

Unser beider Füße taten mittlerweile höllisch weh. Meine Achillessehnenschmerzen waren von den Fußsohlenschmerzen verdrängt worden. "Wann kommt denn endlich Inversnaid?" war alles, was wir noch denken konnten. Es fing an zu regnen, aber das war uns egal, da hinter der nächsten Kurve doch bestimmt Inversnaid liegen würde. Doch hinter der nächsten Kurve kam nur noch eine weitere Kurve. Noch nicht einmal den Wasserfall, der "kurz vor Inversnaid" zu finden sein solle, war erreicht. Was heißt eigentlich "kurz vor"? Ein Kilometer? Zwei?

Der Regen hörte auf, die Sonne kam heraus, der Regen setzte wieder ein. Kurve. Kurve.

"Ich glaub, da steht ein Haus", hörte ich Katja von vorne sagen. Mir reichte die Kraft nicht, um zu jubeln. Der Wasserfall war übrigens nicht "kurz vor" Inversnaid, sondern "direkt an" Inversnaid. Er markiert sozusagen die Grenze von ziegenbewohnter Wildnis zu satellitenfernsehender Zivilisation.

Wanderer haben einen eigenen Eingang zum Hotel, was verschiedentlich als Diskriminierung verstanden wird. Ich empfand es als Segen: Dieser Eingang liegt direkt am West Highland Way und erspart dem fußkranken Wanderer die komplette Umrundung des viktorianischen Gebäudes.

Wir buchten uns für zwei Nächte ein, denn nun brauchten wir beide eine ordentliche Regenerationsphase, und bekamen Zimmer 192. Das ist das Zimmer, das am weitesten weg und am höchsten hinaus war. Die Treppen und Fußböden waren schief und krumm, verzogen vom Alter und der immer währenden Feuchtigkeit Schottlands. Alles Interieur wirkte ein bisschen wie Erstausstattung: viktorianisch. Die Betten allerdings waren sehr bequem, und beim Fernseher handelte es sich um ein modernes LCD-Gerät von LG.

Nur das Wasser der Badewanne, auf die wir uns so gefreut hatten, wollte und wollte nicht heiß werden. Ich setzte den Manager davon in Kenntnis, und er versprach, sich darum zu kümmern, jedoch könne er nichts versprechen.

Das Abendessen war ein Dreigangmenü. Vorweg gab es eine geschmacklich hervorragende Sellerie-Crème-Suppe, in der der Pürierstab jedoch gut und gern noch etwas hätte tanzen dürfen. Katjas vegetarische Quiche sah gut aus und war lecker, ebenso wie meine Lammkeule mit Minzsoße. Was allerdings an der Soße minzig gewesen sein soll, weiß der Koch alleine. Vielleicht ist "mint" ein Synonym zu "brown" oder "warm"? Sehenswert war die Beilagenplatte zu meinem Gericht: Alleine von diesen Beilagen wären wir zwei satt geworden. 300 g Erbsen, 300 g Möhren, 500 g Kartoffeln (alles übrigens komplett ungesalzen - das ist hier so üblich). Zusätzlich lag meinem Lamm noch so eine Art würziger Pommes und Katjas Quiche eine Menge Salat und Coleslaw bei (das ihr zu sahnig war).

Wir wurden beide pappsatt.

Als die osteuropäische Kellnerin uns "wenigstens eine Portion" Erdbeerkäsekuchen aufdrängte, war uns schon klar, dass wir den nicht würden schaffen können. Und als er dann da war, war uns klar, dass wir ihn nicht würden essen *wollen*: Er war ziemlich unansehnlich mit seinen Dosenerdbeeren. Geschmeckt hat er auch nicht.

Katja hatte zum Essen eine Limonade, und die war richtig, richtig lecker. Anscheinend hausgemacht. Und der Whisky im Glas ist zudem preiswert: 2,50 Pfund pro 2,5 cl, und außerdem gibt es eine große Auswahl an Malts. Die einfachen Panschwhiskys wie Johnny Walker oder Teacher's gibt es gar nicht erst, und auch die besseren Blends wie etwa Ballentines finden sich nicht auf der Karte. Doch auf Alkohol habe ich irgendwie keine Lust.

Im Fernsehen lief Fußball. Türkei gegen Kroatien. Das Spiel inklusive der dramatischen Verlängerung und dem noch dramatischeren Elfmeterschießen guckten wir uns noch an, dann gingen wir ins Bett. Ungewaschen, denn das heiße Wasser lief noch immer nicht.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Drymen-Cashel, 16 Kilometer

Am meisten schmerzte an diesem Morgen meine rechte Achillessehne. Sollte es gestern vielleicht doch ein wenig zu heftig gewesen sein? Mehr als 20 km gleich am ersten Tag war vielleicht doch ein bisschen zu heftig. Immerhin bewege ich insgesamt 105 Kilogramm an Masse durch die Gegend. Aber später, nach dem ersten kräftigen Regenguss, nach dem Anziehen des kompletten Regengeraffels, dem darauf beinahe folgenden Hitzschlag durch starke Sonneneinwirkung, nach etlichen Aufs und etlichen Abs, nach dem Auf- und dem Abstieg auf und vom Conic Hill sowie einem anschließenden Marsch von weiteren sechs Kilometern gab es nur wenige Quadratzentimeter meines Körpers, die nicht ebenso sehr schmerzten wie die Achillessehne. Die Fingernägel zum Beispiel taten nicht so doll weh. Auch Zahnschmerzen hatte ich nicht.

Katja ging es ebenso, aber ihr geschieht es wenigstens recht, denn sie wollte unbedingt auf den "nur" 350 Meter hohen Conic Hill, statt die bequemere Alternativroute zu gehen. Conic Hill ist nicht etwa konisch. Der Name stammt - etwas anders geschrieben - aus dem Gälischen und bedeutet in etwa "der Morastige". Das ist allerdings ein Merkmal, das nur auf den zweiten Blick offenbar wird. Hätte ich als Kelte das Recht gehabt, den Berg mit einem Namen zu belegen, so hätte ich ihn wohl eher "der Liebernichtmitvielgepäckzubesteigende" genannt. Denn er ist steil. Er ist sehr steil. Wir sind die weniger anstrengende Seite hochgestiegen, dafür hatten wir dann den Zonk beim Abstieg über unebene Stufen mit viel zu großer Schrittweite oder über felsiges Geröll.

Als wir endlich mit zitternden Knien unten im Ort Balmaha ankamen, hätten wir beinahe beide Lobpreisungen an den HERRN angestimmt. In Balmaha gab es ein Pub namens "Oak Tree Inn" (Motto: "Muddy Boots are Welcome"). Es war uns schon von einem Paar aus Leeds empfohlen worden, die in Drymen neben uns gefrühstückt hatten und die wir im Verlauf des Tages zweimal trafen. Hier versorgten wir uns für wenig Geld mit reichlich Sandwiches (die werden hier meistens mit Kartoffelchips gereicht - seltsame Sitte), dann ging es weiter ans Ufer des Loch Lomonds. Das Loch Lomond (Loch spricht sich übrigens *nicht* "Lok", sondern tatsächlich wie ein richtiges, deutsches "Loch") ist Schottlands größter See, und ein Loch kann fast alles sein, was mit Wasser zu tun hat: ein schmaler See, ein breiter See, ein runder See, ein Fjord, eine längliche Meeresbucht. Und wir liefen ab sofort an seinem Ufer entlang. Zunächst für vier Kilometer, wo der erste Campingplatz lag. Doch wir entschieden uns demokratisch in einer Urabstimmung dafür, zum nächsten Platz weiterzugehen, der nur zwei Kilometer entfernt war.

Hätten wir es mal gelassen.

Der West Highland Way hatte von nun an einige Überraschungen in Sachen plötzlicher Auf- und Abstiege in petto. Gleichzeitig wurde der Wind, der schon den ganzen Tag über heftig geweht hatte, immer stärker. Als wir schließlich nach nur 16 km Marsch (okay, über einen fiesen Berg rüber) am Campingplatz ankamen, waren wir beide ziemlich fertig. Wir bauten unser Zelt auf (laut Hersteller geht das auch bei starkem Wind mit nur einer Person, und was soll ich sagen: Es stimmt! Allerdings machten wir das dennoch zu zweit), verstauten die Sachen und begannen, Essen zu kochen.

Traditionell hätte es eine Dose Ravioli pro Person geben müssen, aber diese Tradition hat ein echt gewichtiges Problem. Statt also Konserven zu schleppen hatten wir vorab Convenience-Food gekauft, also diese Nudelgerichte in Tüten, die man in Wasser kippt und ein bisschen kocht. Die machen satt, schmecken besser als das Zeug aus den Bundeswehr-EPAs und sind verhältnismäßig klein und leicht. So gab es denn also Spiralnudeln in Bolognesesoße - und die haben fast geschmeckt wie meine geliebten Ravioli. Und sie sahen auch fast so aus.

Nach dem Essen und dem Abwasch ging es unter die heiße Dusche. Dieser Campingplatz hat richtig schöne, saubere Sanitäreinrichtungen, die nicht nur gut aussehen und funktional sind, sondern die auch noch gut riechen. Und sie sind Code-gesichert. Den Code gab es beim Einchecken.

Heute läuft Fußball: Deutschland gegen Portugal. Da Deutschland vermutlich eh keine Chance hat, sparen wir uns die zwei Meilen zum nächsten Pub. Statt dessen gehen wir lieber pennen. Vielleicht hilft das, der Muskelschmerzen Herr zu werden? Besonders schlimm sind momentan die Schultern wegen des Gewichts des Rucksacks. Und natürlich die Achillessehne.

Mittwoch, 18. Juni 2008

Milngavie–Drymen, 21 Kilometer

Wir wachten gut entspannt auf, obwohl uns die Geräusche des Hauses ("Tropft da was?") manchmal etwas irritiert hatten. Nach einem umfangreichen Frühstück ging es los, zunächst zur Tankstelle, die wir gestern gefunden hatten. Leider war dort kein Benzin für den Kocher zu bekommen – wegen eines Streiks gab es nur noch Diesel, was sich nicht lohnt, und darum war gleich die ganze Tankstelle zu. Das Touristbüro verkaufte Camping-Gaz-Kartuschen und Terpentin – aber keinen "Coleman Fuel". Coleman Fuel gibt es auch bei uns, aber hier ist es ähnlich synonym für Benzinkocherbenzin wie bei uns Tempo für Papiertaschentücher und Tesa für transparentes Klebeband. Jeder weiß, was gemeint ist. Dennoch sind Kocher für Coleman Fuel in Schottland leider totaaal unüblich, wie uns die junge Dame im Touristbüro versicherte, was daran liege, dass Coleman Fuel sechs bis acht Pfund pro Liter koste und der Schotte bekanntlich in seinem Ausgabenverhalten eher dem Schwaben gleicht. Verkauft werden darf der Coleman Fuel zudem ebenfalls kaum, nämlich nicht in Gebieten, in denen Menschen unmittelbar wohnen – wegen der eklatanten Explosionsgefahr. Gaskartuschen und Terpentin sind dagegen natürlich völlig harmlos. Besonders in großen Mengen. Die nächste Tankstelle könnte es in Drymen geben – dort müssen wir also heute hin. Das sind über 20 km. Eine fiese erste Etappe.

Also verließen wir Milngavie ohne Benzin, dafür frohen Mutes. Schon nach wenigen hundert Metern eröffneten sich links und rechts Blicke auf die "Moors". Moors sind nicht bloß Moore im deutschen Sinne, sondern auch Sümpfe, trockene und nasse Heidegebiete und ganz allgemein auch mystische Landschaften.

Wir wurden von einem einsamen Wanderer überholt, als wir gerade einen Schluck Wasser tranken. Dann trottete er einen Kilometer weit ein paar Meter entfernt vor uns her, immer im gleichen Tempo wie auch wir. Schließich hielt er an, um einen Blick auf die Karte zu werfen. In Wahrheit, so vermuteten wir, ließ er uns passieren. Wer alleine wandert, will in der Regel auch alleine sein, und ansonsten spricht er jemanden anders an. Entsprechend zockelte er dann hinter uns drein, etwa 300 bis 500 Meter entfernt. Plötzlich wurde er durch Shitloads of People (© Annett) verschluckt, die sich in großer Eile einer schäumenden Woge gleich heranwälzten. Es waren Männer und Frauen jeden Alters und bar jeder vernünftigen Flüssigkeitsversorgung, dafür mit jeder Menge für eine Wanderung ungeeignetem Schuhwerk ausgestattet. Sie holten auch uns ein, verschluckten uns an der Spitze und spien uns an ihrem Ende wieder aus. All dies geschah in einer wundervollen, offenen Hügellandschaft (den Lowlands) mit Blick auf ungewöhnliche Vögel mit säbelförmigen Schnäbeln.

Zäune und Wälle mussten wir übersteigen. Wo der Weg einen Zaun kreuzt, sind Stiegen eingebaut, über die man recht bequem die Seiten wechseln kann. Bei der zweiten Stiege half uns jemand aus der letzten Kleingruppe der Shitloads of People©, die wir mittlerweile wieder eingeholt hatten – er sprach Katja in lupenreinem Deutsch an, ob er helfen dürfe. Im anschließenden Gespräch stellte sich heraus, dass die vielen Leute zu einer deutschen Biotechfirma gehörten, deren schottische Tochter heute ihren Wandertag hatte. Im Sichtfeld unserer ersten gesichteten Whisky-Destillerie (Glengoyne) verabschiedeten wir uns voneinander. Sie gingen weiter, wir machten an einer Wegkreuzung Mittagspause.

Während wir darauf warteten, dass sich unsere Muskeln nicht mehr protestierend gegen uns erhoben und wir entsprechend weitergehen konnten (und dass unsere schweißgetränkten Klamotten trockneten) klebte sich Katja Pflaster auf die ersten Schubberstellen an ihren Hüften. Dann trafen ein Paar aus Philadelphia, danach vier Damen aus North Carolina ein. Auch sie wollten bis Fort William wandern – allerdings mit sehr leichtem Gepäck: ein bisschen Wasser, ein bisschen Essen, Regenbekleidung. Der Rest wird mit einem Transportservice von Etappe zu Etappe transportiert. Niedlich war die jüngste der vier Nordkarolinerinnen: Als sie hörte, dass wir aus Deutschland kommen, sagte sie "Ah, that's why I can understand you". Schön, dass auch native Sprecher Sprachprobleme in dieser Gegend haben (Mollgäi?).

Anschließend liefen wir Kilometer um Kilometer auf einer alten Bahntrasse ohne Schienen entlang. Laaaaaaangweilig. Ab und an kam zur Abwechslung ein Gatter, das zu öffnen und zu schließen war (Katja: "Diese Dinger gehen mir jetzt schon auf den Keks"), aber das war's dann auch. Bei etwa Kilometer 16 gab es ein Café mit einer gemähten Wiese, die als wilder, aber genehmigter Campingplatz fungierte. Das Café namens Wishingwell Farmhouse hatte durchaus ernst zu nehmende Gerichte auf der Karte. Wir hatten eine gebackene Kartoffel (Katja) und ein Sandwich (ich), beide mit Cream Cheese und Lachs aus der Gegend. Sehr, sehr empfehlenswert! Doch zum Bleiben war es noch zu früh, deshalb gingen wir wieder. Den nächsten Campingplatz in zwei Kilometer Entfernung wollten wir uns auch noch ansehen.

Hätten wir es mal bleiben lassen.

Denn nun wurde es so richtig anstrengend, und das zum Ende des Tages. Wir gerieten in die Ausläufer der Highlands. Hügel um Hügel erklommen wir, und die Aufstiege waren teilweise ziemlich heftig. Schließlich kamen wir ziemlich gerädert beim Campingplatz an, mit dem Gedanken an ein schönes, fettiges, schottisches Frühstück morgen früh und ein schönes, fettiges Abendessen heute Abend. Aber das gibt es nur in B&Bs und Pubs, nicht auf improvisierten Zeltplätzen auf Farmhousegelände inmitten der Lowland-Pampa. Darum tasteten sich unsere Gedanken schon einmal vorsichtig bis Drymen vor, wo wir ohnehin eigentlich des Sprits wegen noch hinwollten.

Doch erst einmal trafen wir wieder auf den einsamen Wanderer von vorhin. Er kommt aus Glasgow und wandert wie wir mit Gepäck nach Fort William. Gemeinsam gingen wir zum Büro des Campingplatzes, wo er seine fünf Pfund für die Nacht bezahlte. Ich, noch unschlüssig, ob wir bleiben würden, fragte den Inhaber nach Coleman Fuel. Er nahm mich mit nach hinten, wo er einen 20-Liter-Benzinkanister hervorkramte und großzügig in meine 0,6-Liter-Spritflasche eingoss. Geld wollte er keines haben, aber ich nötigte ihm dennoch zwei Pfund auf, denn wir blieben nicht, wie Katja in der Zwischenzeit beschlossen hatte.

Weiter ging es ins zwei Kilometer entfernte Drymen, wo wir ein B&B und ein Pub fanden. Der Wirt hatte etwa unser Alter und wollte 70 (!) Pfund für die Nacht haben. Wir sagten ihm, dass sei außerhalb jeglicher Diskussion und machten Anstalten zu gehen. Erst senkte er den Preis auf 60 Pfund, schließlich auf 56. Der Campingplatz hätte 5 Pfund pro Nase gekostet...

Drymen ist klein. 800 Einwohner soll es laut Reiseführer geben. Dennoch gibt es viel Touristennepp: "Kunst", "Töpferhandwerk" und so ein Zeug. Muss daran liegen, dass das größte Gebäude des Ortes das zentral am Platz gelegene Best-Western-Hotel ist, wo busladungsweise ältere Herrschaften absteigen. Zudem existiert noch ein Outdoorladen, ein Post Office und ein Spar-Supermarkt, in dem wir uns eindeckten: neues Wasser, Brot, Käse aus der Tube, Äpfel und – Katjas Tagesstreckenbelohnung – eine Tüte Thai-Sweet-Chili-Kartoffelchips. Im Edeka bei uns umme Ecke hätte dieser Einkauf etwas unter 20 Euro gekostet (da kostet *alles* um 20 Euro, egal, wie voll der Einkaufswagen ist. Erstaunlich, aber seit der Euroeinführung immer wieder bestätigt worden. Vor der Euroeinführung waren es übrigens immer um 20 *Mark*). Hier bezahlten wir exakt 5 Pfund und 80 Pence. Und das, so sagte uns der Wirt, obwohl die Lebensmittelpreise in den letzten zwei Monaten um fast 50 % gestiegen seien und Spar ohnehin die Apotheke unter den schottischen Supermärkten sei.

Schließlich streckten wir uns kurz im Bett aus. Katja entschied sich für ein Nickerchen, ich ging stattdessen ins Pub, um das Tagebuch zu führen.

Die wichtigste Nachricht des Tages: Uns tut alles weh. Alles. Die zweitwichtigste: Lokale Spezialität sind Pommes, überhäuft mit geriebenem Cheddar-Käse. Ziemlich fettig, das Ganze. Das Coleslaw (wer es nicht kennt: Das ist eine Art Krautsalat, nur besser, aus Weißkohl, Möhren und Zwiebeln in Mayonnaise) war erheblich besser. Kaum war mein Essen am Tisch, kam wie auf Kommando Katja ins Pub. Meinen Glengoyne-Malt wollte sie nicht, stattdessen bestellte sie Pommes (schlauerweise ohne den Käse) und ein halbes Pint Cider. Ich schloss mich dem Cider an, nahm aber ein ganzes Pint.

Unterdessen starteten die Spiele Schweden-Russland und Griechenland-Spanien. Nach der 1. Halbzeit verließen wir jedoch die Spelunke und dackelten – besser: eierten – heim. Mal sehen, wie es uns morgen so geht. Katja sagt, dass meine Füße müffeln.

Montag, 16. Juni 2008

Der letzte Abend vor der Reise

Heute fand ich auf der Suche nach meinem Reisepass einen Umschlag mit 40 britischen Pfund. Die muss ich seit meiner Englisch-Leistungskursfahrt 1991 (oder 1992?) haben, denn seither bin ich glaube ich nicht mehr in England gewesen – ob die 10-Pfund-Note von damals überhaupt noch Gültigkeit hat? Wir nehmen sie einfach mit und probieren es aus.

Ansonsten waren wir noch einmal auf abschließender Einkaufstour. So haben wir uns neben den letzten noch fehlenden Ingredienzen für die Reiseapotheke (Mobilat, Desinfektionsmittel und Compeed-Blasenpflaster – das Zeug im Bestand war nämlich abgelaufen) und den letzten Verpflegungsreserven (Müsliriegel und Teebeutel) eine kleine Tasche gekauft, in die Kamera und eine Zwischenmahlzeit passen, und die wir sowohl als Hüftgürteltasche mit in den Flieger nehmen als auch an den Hüftgurt des Rucksacks schnallen können. Wasserdicht ist sie zwar nicht, aber dieses Problem löst eine simple Plastiktüte, in die wir den Inhalt der Tasche bei Bedarf einschlagen.

Apropos wasserdicht: Katja hat bereits vorgestern unsere Sonne-und-Regen-Schutzhüte per Sprühflasche auf dem Balkon und bei geöffneter Balkontür mit einem Nebel aus Imprägniermittel benetzt. Neben dem wundervollen Odeur, der danach durch unsere Wohnung waberte und uns alles hat in schillernden Farben sehen lassen, wird diese Behandlung den Effekt haben, dass die Hüte wenigstens eine Stunde lang wasserdicht sind. Danach hilft nur noch, die nassen Haare zu ignorieren. Wir wissen das. Aber wenn es ganz hart kommt, haben wir auch noch Kapuzen an unseren Goretex-Jacken.

Etwas mehr versprechen wir uns ohnehin von unserem Schuhwerk. Das habe ich gestern neu imprägniert, und weil das erfahrungsgemäß am besten geht, habe ich dafür keine Bürste genommen, sondern die Fingerkuppen. Nichts ist besser, um auch die letzte Ritze und die kleinste Naht im derben Material der Wanderstiefel mit Goretex-Pflege (bei mir) und Lederpflege (bei Katja) zu erwischen. Nichts ist jedoch schlechter, wenn man vorhat, am nächsten Tag zivilisiert auszusehen: Schuhcreme ist wirklich hartnäckig. Man gut, dass wir da noch immer diese hässliche Wurzelbürste im Bad haben – aber es hat mich zehn Minuten Schrubberei gekostet, bis meine Fingernägel wieder erträglich aussahen und auch bestimmt kein Wasser mehr von den Händen abperlte. Tja, und heute, während unsere Nationalpiefkes dem aggressiven Bergvolk im Süden mal so richtig gezeigt hat, wo der Frosch bei dieser EM die Locken hat, da habe ich, weil ich die Spannung des Spiels kaum habe ertragen können, die Schnürsenkel wieder in die Ösen der Stiefel gezogen. Und anschließend, während der Halbzeitpause, habe ich wieder ein paar Minuten Fingerkuppen geschrubbt.

Morgen am Mittag geht der Flieger, und damit beginnt unsere Reise nach und durch Schottland. Sowohl für Katja als auch für mich ist es das erste Mal in der Gegend. Mein Freund Gerrit hat mir neulich noch ein paar Infos zu Fort William und der Isle of Skye mit auf den Weg gegeben, die Karte und der Reiseführer sind eingepackt, Kreditkarten, Ausweise und Bargeld liegen ebenfalls bereit, für die Blumen sorgen unsere lieben Nachbarn Lars und Alex. Das müsste es eigentlich sein – wir können los!

Jeder hat sein Bündel selbst zu tragen

Gestern haben Katja und ich unsere Schottland-Rucksäcke gepackt. Katjas Rucksack bringt lediglich 15 Kilo auf die Waage. Weniger als jemals zuvor! Mein eigener liegt bei sogar nur 13 Kilo, allerdings werde ich noch das Wasser aufnehmen, also mindestens drei weitere Kilogramm bekommen, vermutlich sogar viereinhalb, sowie außerdem das Benzin für den Kocher (das wir natürlich erst nach dem Flug in Schottland kaufen können). In die Brennerflasche passen 0,6 Liter, das sollten dann vielleicht zusätzlich so 300 oder 400 Gramm sein. Dennoch werde ich selbst mit weniger als 20 Kilo laufen, und das ist für mich ein Novum. Langsam zahlen sich die Investitionen in leichte Materialien anscheinend aus. Dazu kommt noch, dass dieses Mal fast kein Geraffel außen am Rucksack hängt – wir benötigen nicht einmal Außentaschen. Und außerdem habe ich das Gefühl, dass ich zu viele Klamotten eingepackt habe. Hrmpf.

Heute gehen wir noch einmal die Reste einkaufen, die uns noch fehlen, etwa Teebeutel, Blasenpflaster und ein paar Energieriegel. Und los geht's gleich. :-)

Samstag, 14. Juni 2008

Wetter!

Heute früh bekam ich eine Mobiltelefontextnachricht von meinem Kumpel Gerrit. Sie bestand nur aus einer Frage: "Wandern bei dem Wetter?" Das bezieht sich offenbar auf den Wetterbericht für unsere Wanderroute von Glasgow nach Fort William. Meine Antwort fiel kurz aus, aber nur, weil ich diese Mobiltelefontextnachrichterei hasse wie einen nassen Schlafsack: "Ja klar!"

Und so sieht der Wetterbericht für die nächsten Tage aktuell aus:



Auf der Homepage unseres Wanderziels Fort William findet sich im Bereich "Weather" eine wunderbare Formulierung, die ich hier zitieren möchte: "A stunning red sunset at any time of year is often replaced by a gray, wet morning, and this in turn can quickly burst into a bright, clear, sunny day with a clarity sometimes beyond belief. After heavy rainfall, rainbows arch across mountainous skylines and lochs lay at peace in reflective mood." Diese Erfahrung haben Béla und ich schon während unserer Irland-Wanderung 2001 gemacht. Dort hatten wir pro Tag drei Jahreszeiten (der Winter fiel glücklicherweise aus).

An dieser Stelle möge noch Erwähnung finden, dass Fort William als der niederschlagreichste Ort der britischen Inseln gilt: Um die 1900 Millimeter fallen dort im Laufe eines Jahres. Zum Vergleich: Hamburg, das ebenfalls nicht gerade einen trockenen Ruf hat, bekommt im gleichen Zeitraum nur rund 770 mm Niederschlag, Hannover sogar nur 660 mm. Wir machen uns also auf viel Wasser gefasst. Entsprechend haben wir unsere Ausrüstung auch ergänzt: Zum Beispiel habe ich mir neulich, als S.F.U. sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert und daher satte 25 % Rabatt gewährt hat, eine leichte Haglöfs-Regenjacke ausgesucht, die ich mir ohne den Rabatt nicht hätte leisten mögen, natürlich mit Goretex-Membran, Unterarmbelüftung, wasserdichten Reißverschlüssen und ähnlichem mehr. Auch unser neues Zelt soll über selbstabdichtende Hightech-Nähte verfügen, in denen der verwendete Hightech-Faden aufquelle und so die Nahtstellen verschließe. Aha, ein schlichter Baumwollfaden also. :-)

Wir glauben, gut für das Wetter ausgestattet zu sein. Nass werden wir trotzdem werden. Und wir werden das Wetter verfluchen. Aber wenn es soweit ist, dass wir fluchen, dann werden wir uns des Hitzschlagsommers 2003 erinnern, in dem wir uns bemüht haben, in der Normandie zu wandern. Nein, Gerrit, glaub mir: Gegen Kälte kann man sich schützen. Gegen Regen kann man sich schützen. Gegen Hitze aber gibt es keinen Schutz.

Donnerstag, 5. Juni 2008

Geschenkt: Eine Woche Lebenszeit

Eine lustige kleine Geschichte, die sich gestern ereignet hat, möchte ich euch gerne erzählen. Allerdings muss ich dazu ein bisschen ausholen.

Seit dem 26. Mai arbeite ich in den Räumlichkeiten eines Kunden an einem etwas größeren Projekt. Ursprünglich ging es um die Gestaltung einer Zeitschrift bis zum 16. Juni. Am 17. Juni, also nur einen Tag nach Drucklegung, fliegen Katja und ich dann nach Schottland. Kaum hatte ich mit meiner Arbeit an dem Magazin begonnen, stellte sich heraus, dass diese Zeitschrift dann noch für ein zweites Erscheinungsgebiet umgebaut werden und ein großer Teil neu erstellt werden muss – sagen wir also, dass ich gut anderthalb Zeitschriften statt nur einer zu gestalten hatte – und das im gleichen Zeitraum, in einer neuen Arbeitsumgebung mit unbekannter Serverarchitektur und mit einem für mich unüblichen Programm (nämlich Quark XPress, das ich seit drei Jahren zu Gunsten von Adobe InDesign nicht mehr nutze). Also geriet ich plötzlich unter einen gewissen Druck.

Der Aufbau der beiden Zeitschriften ging eigentlich ganz gut voran, ich erinnerte mich täglich mehr an die Shortcuts von XPress, und gestern war ich im Prinzip mit beiden Heften fertig (bis auf einige noch nicht gelieferte Anzeigen und problematische Bilder), aber irgendwie wunderte ich mich dennoch über den vollkommen entspannten Zustand meiner Auftraggeber, denn noch war die angekündigte, abschließende Redaktionskonferenz nicht erfolgt, das Layout war nur grundsätzlich, nicht aber endgültig freigegeben, die Bilder sollten noch von einer kundeneigenen Bildbearbeiterin feingeschliffen werden, und insgesamt machte ich mir schon Sorgen, ob das alles noch zu schaffen ist bis einschließlich Montag. Denn Dienstag wollen wir ja in den Urlaub gehen!

Na gut, jetzt zur Geschichte.

Vor zwei Tagen entdeckte ich bei Amazon endlich eine vernünftige Wanderkarte zum West Highland Way, die ich bestellte, und zwar per Expressversand für sechs Euro mehr, damit wir sie noch pünktlich bekämen. Und gestern Abend zickte ich Katja an, dass ich ja wohl der Einzige hier sei, der sich um die Urlaubsplanung kümmerte, Bücher lese, Karten bestellte, dass ich jetzt endlich mal die Ausrüstung probeweise zusammenpacken will, denn so viel Zeit bliebe ja gar nicht mehr. Und am Wochenende zu meinem Vater, um Spargel zu essen? Allenfalls, um das Zelt aufzustellen und die Nähte mit Silikon abzudichten, aber zum Essen würden wir mit Sicherheit keine Zeit haben!

Katja guckte mich mit großen Augen an und war wohl auch etwas pikiert meines Tonfalls wegen. Und dann sagte sie: "Wir fliegen doch erst am Siebzehnten." Genau, war meine Antwort, am Dienstag. "Ja, aber wir haben doch heute erst den Vierten…" – Jetzt war ich an der Reihe, große Augen zu machen! Irgendwie war mir seit zwei Wochen so, dass schon nächste Woche der 17. Juni wäre. Und plötzlich stellte sich auch bezüglich meines Auftrags beim Kunden die totale Entspannung ein: Ich bin nicht zwei Tage im Voraus fertig mit dem Projekt, sondern zwei Tage und eine ganze Woche. Ob das eine gute Visitenkarte ist, die ich bei diesem Kunden hinterlasse?

Donnerstag, 8. Mai 2008

Mal was zum Thema Wandern

Zwei wunderbare Artikel zur Bewertung von Wanderwegen finden sich heute in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Ich gebe euch hier nur einmal die Links, lesen müsst ihr schon selber. Oder eben auch gucken.

Sonntag, 24. Februar 2008

Zelt!

Gestern war es soweit: Wir haben uns ein Zelt gekauft. Es wurde keines der beiden, die wir ursprünglich angedacht hatten, sondern das Hilleberg Kaitum 3, das wir bei SFU in Hannover gefunden haben. Vorteil gegenüber dem Hilleberg Nallo, das eigentlich unser Favorit war: Während das Nallo am Fußende ziemlich stark abfällt und so die Gefahr besteht, dass der Schlafsack die Zeltwand berührt (Nässe!), kann das beim Kaitum nicht passieren. Das Kaitum besteht aus zwei identischen Hälften, die in der Mitte zusammengenäht sind – so ist links wie rechts eine senkrechte Zeltwand, was unglaublich viel Platz bedeutet. Zwei gleich große Absiden bieten Platz für bestimmt vier Rucksäcke. Und soviel brauchen wir nicht :-)

Lustigerweise würde übrigens das Nallo GT für drei (!) Personen noch immer weniger wiegen als das Kaitum für zwei Personen, aber mit 2.870 Gramm ist das noch immer im sehr guten Rahmen.

Samstag, 9. Februar 2008

To tent or not to tent?

Wir haben ein Problem: Unser Zelt ist zwar schön und geräumig und auch noch tadellos in Schuss, sieht man mal vom Riss im Transportsack ab, den Béla anno 2001 in irischen Brombeerbüschen gerissen und mit Duct Tape wieder geflickt hat. Aber es ist ziemlich schwer. Das Gestänge war sehr preiswert und hat sein Gewicht, ebenso die Zeltwand selbst. Da wir in Schottland vermutlich selten zelten werden, möchten wir uns nicht mit unnötigen Kilos belasten. Also muss ein neues Zelt her – Gewichtsklasse bis etwa drei Kilogramm.

Ein kurzer Check bei Globetrotter ergab zwei in Frage kommende Zelte, nämlich das Hilleberg Nallo 2 GT oder das Nordisk Sundback SI. Letzteres kostet die Hälfte des ersteren, wiegt aber satte 500 Gramm mehr und hat deutlich heftigere Packmaße. Wir recherchieren aber noch weiter und werden uns auch sicherlich bei BlueSky und der Bergsportzentrale etc. beraten lassen.

Schottland!

In diesem Jahr ist Schottland dran, haben wir beschlossen. Wir sind uns nur noch nicht ganz einig, in welcher Gegend wir wandern wollen, wissen aber immerhin schon, dass wir Mitte Juno fahren und Anfang Juli zurückkehren werden. Wir möchten gerne an die Küste, aber auch an die Berge, wir möchten Whisky-Brennereien sehen und die Highlands. Oh je. Das klingt nach "Europe In Three Days".

Um besser klar zu kommen haben wir uns bereits ein bisschen Literatur zugelegt: Den Lonely Planet für Schottland und den Wanderführer West Highland Way. Den Wanderführer über den Whisky-Trail haben wir schon etwas länger im Besitz. Ich blättere schon immerzu im Planet, um herauszufinden, wohin es gehen soll...