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Mittwoch, 25. Juni 2008

Port William — Portree

Schön war es, mal etwas länger zu schlafen! Dafür war mein Frühstück leider nicht so dolle: Das schöne schottische Frühstück schwamm in einer fettigen Wasserlache. Die kalten Toasts hingegen waren wie immer in Ordnung. Als wir vom Frühstück dann zum Zimmer zurückgingen, sahen wir, dass der Regen in den Pfützen Blasen schlug. Darum zogen wir die Rucksackkondome auf, beluden und mit dem Gepäck und checkten aus. Draußen angekommen nieselte es nicht einmal mehr.

Gemütlich latschten wir durch die Fußgängerzone und betraten die Toursitinformation, auf der generellen Suche nach nicht Bestimmtem, jedoch mit der Idee im Hinterkopf, dass man ja – vielleicht im nächsten Jahr? – den Great Glen Way gehen könnte, der hier in Fort William startet und nach Inverness geht. Vor allem aber schauten wir nach Infos zur Insel Skye, denn dort wollten wir ja hin, und zwar nach Möglichkeit mit der Dampflok "The Jacobite", die auch in den Harry-Potter-Filmen digital verändert als "Hogward's Express" für Furore gesorgt hat. Als wir schließlich ohne Karten wieder auf die Straße traten, war da ein ganz süßer Hund mit einem pinkfarbenen Spielzeugring im Maul, mit dem wir unbedingt noch ein paar Minuten spielen und mit seinem Herrchen reden mussten ("If I got as much attention from the ladies as he, I could write a book about it"). Anschließend liefen wir ohne Eile, dafür mit besabberten Fingern in Richtung Bahnhof.

"Sag mal, ist das die Dampflok da hinten, da wo's so raucht?"
"Könnte sein. Die heizen aber bestimmt erst ein. Das braucht immer so lange."

Als wir die Bahnhofshalle von Fort William betraten, verließ "The Jacobite" gerade die Station. Kein Witz. Der nächste Dampfexpress, so erzählte uns die freundliche Wendy hinter dem Schalter, führe dann in 23 Stunden und 59 Minuten. Der nächste normale Zug nach Mallaig ginge um etwa 12:40 Uhr oder so – wir hatten es jetzt kurz nach 10. Also checkten wir erst einmal, ob und wann Busse nach Skye fuhren. Der nächste Bus sollte um 13:40 Uhr fahren, also noch einmal später. Aber wir rechneten mal kurz die beiden Optionen durch:

Der Bus geht direkt nach Portree, mit einer Wartezeit von etwa vier Stunden.
Eine Zugfahrt nach Mallaig bringt nur drei Stunden Warterei mit sich, dort allerdings muss man in die Fähre umsteigen (ungewisse Abfahrtzeiten) und auf Skye angekommen müsste man dann ebenfalls mit einem Bus weiter nach Portree.

Wir entschieden uns dafür, von Anfang an den Bus zu nehmen und setzten uns ins Café des Morrison's-Supermarkts direkt am Busbahnhof. Katja kaufte sich eine britische "InStyle"-Zeitschrift, die mit einer modischen Handtasche der Marke "Elizabeth Hurley" kam. Hätte sie die Cosmopolitan erworben, wären Flipflops dabei gewesen. Ich schrieb währenddessen wieder Tagebuch. Eine Arbeit, vor der sich Katja drückt, wohl, weil sie beruflich so viel zu schreiben hat, was?

Schließlich zogen wir aus lauter Langeweile los und erkundeten den Supermarkt, der die Größe eines kleinen Real-Marktes hatte. Unsere Rucksäcke konnten wir in riesige Schließfächer einschließen, die eigentlich für die vollen Warenkörbe gedacht sind. Da kann Mami also den Einkauf sicher aufbewahren und sich danach ins Café setzen. Schlaue Sache!

Im Endeffekt kauften wir uns ein paar Sandwiches, Kekse und Irn-Bru, den etwas anderen schottischen Nationalsoftdrink, ein knallorangenes Gebräu, das einem laut Reiseführer "beinahe den Schmelz von den Zähnen fräst". Tut es übrigens wirklich beinahe.

Als wir mit Sack und Pack in den wieder heftig eingesetzten Regen hinaustraten, war der Bus schon da. Unser Gepäck verschwand im Kofferraum, wir im Businnern. 22,50 Pfund pro Person von Fort William nach Portree auf Skye. Langsam wird unser Bargeld knapper – wir haben nur noch 150 Pfund.

Die Fahrt mit dem Bus war lang und zog sich. Wegen des wirklich fiesen Wetters hatten wir nur wenig schöne Aussichten, und wegen der Fahrweise des Fahrers vermissten wir auch die Fährfahrt von Mallaig nach Skye nicht – seekrank konnte man auch hier werden. Höhepunkt der Schaukelei war ein 15-Sekunden-Blick auf Eilean Donan Castle in Dornie, wo ein paar Szenen für den Film "Highlander" gedreht worden waren und das zugegebenermaßen wirklich pittoresk ist.

Kurz darauf fuhren wir über die vielleicht 500 Meter lange Brücke, die die kleine Insel Skye mit dem britischen "Festland" verbindet. Dann ging es weiter, meilenweit durch langweilige Regengüsse, die Skye in ödes Einerlei verwandelten. Tristesse heißt Skye. Was reden nur immer alle von den Wundern der Schönheit Skyes?

Endlich in Portree angekommen wandten wir uns schleunigst – es war schon reichlich spät – an das Toursitbüro, um eine zentrumsnahe Unterkunft zu bekommen. Bei einer Einwohnerschaft von 1.900 ist allerdings eigentlich alles zentrumsnah. Problematisch schien zu sein, dass wir uns für drei Nächte festsetzen wollten. Wendy hinter dem Tresen (heißen die Damen hinter einem Schalter alle Wendy?) telefonierte einige Unterkünfte ab und fand schließlich eine für uns, die allerdings "etwas auswärts" läge, ob wir damit einverstanden seien? Wir überlegten hin und her. Etwas außerhalb? Ja, das seien nur etwa 15 Minuten – aber mit Gepäck... Sie sprach noch einmal mit dem Gentleman am anderen Ende der Leitung, dass uns das möglicherweise zu weit draußen sei, dann ging ein Strahlen über ihr Gesicht: "Really?" Sie wandte sich an uns: "Dieser Gentleman bietet an, Sie hier abzuholen." Das ist ja mal ein Ding! Wir willigten gerne ein.

Kurz darauf standen wir im Nieselregen und lernten Jeff kennen, der in seinem mintgrünen Renault Mégane angerollt kam. Katjas Rucksack als der kleinere von beiden wanderte in den Kofferraum, meiner auf den Rücksitz neben Katja. Und dann saß ich erstmals in einem Auto links vorne, ohne dass mich ein Steuerrad störte. Allerdings schien es mir sehr gefährlich, auf der linken Seite des Straße zu fahren und darauf zu spekulieren, dass das auch alle anderen tun.

Kurz darauf waren wir "etwas außerhalb". Ohne Gepäck wäre das wirklich ein 15-Minuten-Marsch geworden, mit Gepäck vielleicht 20 Minuten. Allerdings haben wir das Haus so viel besser gefunden. Im Haus lernten wir Jeffs Frau Anne kennen. Sie brachte uns durch die Lounge nach oben ins niedliche Dachgeschoss, das wir für uns alleine haben.

Weil ich erwähnt hatte, dass wir noch zum Essen in ein Pub gehen wollten, bot Jeff an, uns hinzubringen. So muss ein B&B sein – Familienanschluss!

Das Pub war ziemlich ungemütlich, das Essen dafür aber gut, wenn auch etwas teuer. 25 Pfund für ein Gulaschgericht, einen Ceasar's Salad und zwei Pint Cider. Morgen wieder? Eher nicht. Nach dem Essen gingen wir zurück zum B&B, statt im Pub zu bleiben und dort Fußball zu gucken. Die Lounge war voll – ein Pärchen mit französischem Akzent und ein Typ saßen da und guckten Tennis. Wir fragten, ob gleich auf Fußball umgeschaltet werde. "Jaja, na klar!" Wir zogen kurz die Regenklamotten in unserem Raum aus und gingen wieder runter. Das Paar war weg, und nur noch der Typ saß da. Fußball lief gleich an: Deutschland gegen die Türkei.

Es war das schlechteste Spiel, das ich seit Jahren gesehen habe.

Glücklicherweise fiel zwischendurch immer wieder das Bild aus, weil in Wien ein Gewitter tobte, das weltweit die Leitungen unterbrach. Während einer solchen Bildpause, in denen die BBC kurzerhand den Radiokommentar einkopelte, schoss Klose das erlösende 2:1. Nachher gewann Deutschland knapp und vollständig unverdient 3:2.

Katja duscht, ich schreibe. Gleich dusche ich und Katja muss lesen. :-)

Dienstag, 24. Juni 2008

Die Midgie-Saison ist eroeffnet!

Heute sind wir von Bridge of Orchy nach King's House gewandert, das sind knapp 20 km quer durch die Highlands, mitten durch ein Moor, fernab jeglicher Zivilisation. Naja, wir sind noch nicht ganz dort angekommen, aber wir koennen es sehen, das Haus des Koenigs. Es handelt sich um eine alte Viehtreiberunterkunft, die jetzt als Hotel fungiert. Und damit ist es die einzige Unterkunft im Umkreis von 20 km. Es ist voll, deshalb haben wir keine Eile. Im Moment sitzen wir im Cafe von Schottlands einzigem Skigebiet (direkt am King's House, nur 2 km entfernt) und goennen unseren geschundenen Fuessen ein bisschen Ruhe und unseren Ohren eine schoene alte Scheibe von Whitney Houston.

In den Highlands gibt es eine Insektenart, Midgies genannt, die nur unwesentlich groesser als unsere Gewittertierchen sind. Allerdings fressen einen Gewittertierchen im Gegensatz zu Midgies nicht auf. Midgies sind im Prinzip kleine, in riesigen Schwaermen vorkommende Muecken, die kuehles, nicht zu sonniges Wetter moegen. Das heisst, dass sie dann rauskommen, wenn auch Wanderer gern unterwegs sind. Und heute war es ganz schlimm mit den Viechern. Denn es wehte kein bisschen Wind, der sie sonst vertreiben wuerde. Deshalb gibt es wirksamen, mechanischen Schutz: ein feines Netz, das man sich ueber den Kopf und Hut haengt. Sieht total laecherlich aus, sichert aber eine heile Haut. Uns ueberholte ein Schotte, der im Vorbeigehen "I'll give you one thousand Pounds for that hat" sagte. Aber da waere er ein bisschen billig weggekommen, fanden wir.

Sowohl Katjas als auch meine Achillessehne schmerzt, bei ihr links, bei mir rechts, zudem soll das Wetter zunehmend schlechter werden, von daher ueberlegen wir, wie es ab morgen weitergehen soll. Moeglicherweise brechen wir an dieser Stelle ab und fahren mit dem Bus nach Skye?

Montag, 23. Juni 2008

Tyndrum-Bridge of Orchy, 10 Kilometer

Unser Tag begann mit dem Alarm, den ein anderer vor uns in den Radiowecker einprogrammiert hatte: laut und viel zu früh. Mein Bett stand an der Wand, und dort, aus der Spalte zwischen Wand und Bett, kam bei jeder Bewegung eine Wolke modrigen Geruchs emporgestiegen. Wohl ein Tribut an die zimmereigene Dusche und fehlende ausreichende Belüftung. So musste ich, um dem Muff zu entgehen, die ganze Nacht auf der rechten Seite schlafen, dem Fenster zugewandt.

Das Frühstück im Dalkell Cottage Guest House, wie das B&B offiziell heißt, offerierte uns die Dame des Hauses mit dem Satz "Hi, I am Angela, your waitress for this morning." Es gab leckeres Rühr- und Spiegelei, Pilze, Tomaten und Bohnen. Und natürlich den obligatorischen kalten Toast mit Orangenmarmelade. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, könnte man sich glatt daran gewöhnen!

Gemeinsam mit uns frühstückte eine Gruppe von sechs Männern mittleren Alters, die knapp vor uns aufbrachen. Wir, gewitzt wie wir nun einmal sind, nahmen eine Abkürzung und kamen zeitgleich mit dem Sechsmanntrupp dort an, wo der West Highland Way Tyndrum verlässt - obwohl die Herren quasi ohne Gepäck reisten. Wir schafften es sogar für etwa einen Kilometer, vor ihnen zu bleiben, doch schließlich überholte und die erste Zweiergruppe, dann die nächste, und dann schnaufte auch schon der fünfte Herr heran. Dieser Herr trug die Masse zweier Geros mit sich herum. Das Schnaufen war daher verständlich. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und erfuhren so, dass die Sechs 20 Jahre lang bei Siemens zusammengearbeitet hatten. Jetzt arbeitete er bei VW, kannte zumindest Hannovers Flughafen und hat in Dresden in der VW-Manufaktur am Bentley gearbeitet.

Schließlich wanderte er weiter, um seine Gruppe einzuholen. Der sechste Mann überholte uns dann auch noch irgendwann (er war ein Nachzügler, weil er noch irgendwas eingekauft hatte). Durch das Gespräch hatten wir gar nicht mitbekommen, wie weit wir schon gelaufen waren, und als wir schauten, hatten wir die halbe Strecke schon rum.

Unser Weg führte uns das erste Mal weiträumig durch das, was wir Mitteleuropäer uns reflexartig als Landschaftsform denken, wenn wir das Wort "Highlands" hören: Berge, grüne Hänge, Schafe, Felsen, Heidekraut, Wasser, Wasser, Sumpf, Wasser. Und plötzlich stehen wir mitten in Bridge of Orchy, unserem Tagesziel. Der Ort beginnt mit einer Bahnstation; direkt angegliedert liegt ein Bunkhouse, dann kommt eine Wellblechhütte (!) mit einem "Post Office"-Schild dran, dann eine verlassene Schule, zwei Wohnhäuser, eine Feuerwache, ein Gemeindesaal, zwei weitere Wohnhäuser, dann das wunderschöne, weiße "Bridge of Orchy"-Hotel. An dieses Hotel angeschlossen ist ein weiteres Bunkhouse. Ein Bunkhouse ist eine Art Jugendherberge der simpelsten Art, oft ohne Verköstigung und ohne Kochgelegenheit, manchmal sogar ohne größere sanitäre Anlagen.

Ich hatte gestern während der Langeweile im Pub von Tyndrum hier angerufen und im Voraus zwei "Bunks", also Kojen, gebucht und per Kreditkarte bezahlt. Wir hatten gedacht, dass wir schön langsam laufen, unseren Füßen ein bisschen Ruhe gönnen und irgendwann am Nachmittag hier eintreffen. Doch es war erst 11 Uhr morgens. Und das Einchecken ins Bunkhouse war aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen erst ab 15 Uhr möglich. Und das hieß: Zeit totschlagen.

Da zum Bunkhouse ein Hotel gehört und zu jedem anständigen Hotel eine Bar hockten wir uns also in die Bar mit Blick auf die Straße und ließen uns von einem hübschen Mädel bedienen, die anscheinend als einzige Schottin einen Kursus in "Wie bediene ich meine Gäste höflich und zuvorkommend?" erfolgreich absolviert hatte. Wir tranken Tee und ließen uns das Lunch-Menü zeigen. Gerade als wir uns Sandwiches bestellen wollten, sagte Katja: "Da sind ja die zwei!" Und richtig: Steve und Chris standen draußen im Sonnenregenschein. Wir winkten sie herein und nahmen unser Lunch gemeinsam. Katja bestellte sich ein Bacon-Lettuce-Tomato-Sandwich (BLT! Katja!), während ich, Gourmet der ich bin, ein Sandwich mit Hähnchen und Zitronenmayo genoss. Das waren definitiv die besten Sandwiches, die wir hier bisher hatten.

Chris hatte sich eine ebenfalls lecker aussehende Gemüselasagne mit einer Extraportion Pommes bestellt. Jetzt muss ich ein paar Worte zu Pommes frîtes und ähnlichen Kartoffelprodukten verlieren.

Es gibt drei Sorten frittierter Kartoffeln, von denen hierzulande zwei Typen ständig gegessen werden. Da wären zum einen die Crisps. Crisps sind Kartoffelchips. Man isst sie aber nicht bloß vor dem Fernseher zu Bier und schlechten Fußballspielen, sondern grundsätzlich auch zum Sandwich. Das amerikanische Wort für Pommes, nämlich "Fries" (kurz für "French fries") hat sich für sehr lange, sehr dünne, sehr knusprige Pommes frîtes eingebürgert. Man bekommt diese Form der Fritten in Schottland jedoch eigentlich nur bei Burger King oder dem (zumindest vom Namen her) reimportierten McDonald's. Doch haben sich diese amerikanischen Riesen im dünn besiedelten Schottland gottlob noch nicht gegen die lokalen Pubs durchsetzen können. Im Pub gibt es dann auch die britischste Form der Kartoffel, und die heißt "Chips". Diese Kartoffelabschnitte sind mindestens so dick wie ein kleiner Finger, selten richtig knusprig, meistens sehr blass und werden aus normalen Haushaltskartoffeln geschnitzt. Gegessen werden diese Chips meist mit Salz und Essig. Gegessen werden sie grundsätzlich zu allem, auch zu mit getrüffeltem Fasan gefüllten Brustfilets von der Wachtel auf Zucchinijulienne an Preiselbeervinaigrette, soweit ich das einschätzen kann. Auf jeden Fall aber auch zu Gemüselasagne.

Die Chips, die Chris zu ihrer Lasagne hatte, konnten schon gar nicht mehr "Chips" genannt werden. Die Dinger waren eher "Chunks". Aber sie waren augenscheinlich lecker, denn obwohl Chris große Augen machte und irgendwas von "das schaff ich nie" murmelte, verschwanden die Dinger eben doch alle. Steve hatte derweil seine eigenen Chips, zusammen mit "battered Haddock". "Battered" ist in diesem Fall mal nicht im Zusammenhang mit "bruised and battered" zu verstehen, obwohl der arme Haddock - zu deutsch Schellfisch - durchaus übel zugerichtet aussehen kann, sondern "battered" bedeutet "in Bierteig frittiert".

Gleich nach dem Lunch gingen die zwei weiter; sie wollten weiter über den als anstrengend gekennzeichneten Hügel hinter dem Fluss Orchy und auf der anderen Seite ins Hotel von Inveroran gehen. Wir verabredeten uns für den Abend des nächsten Tages auf dem Zeltplatz am King's House Hotel zum Campen.

Mittlerweile klagte auch Katja über ihre Achillessehne, allerdings die linke. Unser Mobilat hatte bei mir nicht richtig geholfen, und ich ärgerte mich, dass wir unser tiefenwirksame Hitzepräparat Finalgon zu Hause hatten liegen lassen. So entschieden wir uns, das finanzielle Wagnis einzugehen und unsere beiden Rucksäcke von Bridge of Orchy zum King's House Hotel mit dem Gepäckdienst Travel-Lite vorauszuschicken und ebenfalls nur mit leichtem Gepäck zu gehen (bei meinem Rucksack lässt sich der Deckel abnehmen und als Umhängetasche verwenden). So wollten wir unsere Füße um 15 Kilo entlasten.

Endlich wurde es 15 Uhr und wir konnten ins Bunkhouse einchecken. Und siehe, was lag da in der Vitrine des Check-in-Schalter? Wanderwichtiges Zeugs! Mückennetze, Compeed-Blasenpflaster und – "Deep Heat"-Hitzesalbe. Funktioniert das so wie unser Finalgon? Gekauft! Die Tube kostete drei Pfund, was in Ordnung ging. Außerdem reservierten wir noch für den Abend einen Tisch im Restaurant und hingen draußen ein bisschen ab.

Über die Midges, diese fiesen Viecher, hatten wir mittlerweile einiges in Erfahrung bringen können: Sie mögen Windstille und bedeckten Himmel, auch ein bisschen Regen schreckt sie nicht, aber beim kleinsten Windhauch sind sie verschwunden und mögen auch die Sonne nicht sonderlich. Darum blieben wir von ihnen verschont - die Sonne schien und wir saßen auf einer Parkbank am Fluss Orchy. Im Schatten tanzten die Biester und warteten darauf, dass die Sonne wegging. Aber es wurde schneller Abend als wir gucken konnten. Wir gingen ins Restaurant. Katja bestellte sich die Gemüselasagne, die sie vorher schon bei Chris gesehen hatte. Ich selbst entschied mich für ein Prime Fillet mit Salatbeilage. "How do you like it cooked, sir?" – "Äh, medium, please."

Das Steak kam und sah einfach fantastisch aus. Es war groß und dick, dampfte, war gebettet auf einer dunklen Pfeffersoße und von ein wenig Pfeffer bedeckt. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Dann machte ich den ersten Schnitt - und war entsetzt. Das Fleisch war beinahe komplett durchgebraten, bis auf den Kern, in dem noch ein rosa Schimmer zu erkennen war. Welche Enttäuschung! Wie kann man ein so tolles Stück Fleisch so schlecht grillen? Das kann man doch nicht mehr essen!

Gerade noch rechtzeitig vor meiner Beschwerde kam mir die Erkenntnis: Es war *mein* Fehler. Bei uns im Steakhaus bestellt man "englisch", medium" oder "durch". Im Land des Steaks aber gibt es nicht nur diese drei Stufen - es gibt ihrer acht. Richtig hätte ich "medium rare" bestellen müssen. Also zuckte ich die Schultern und biss ins für meinen Geschmack viel zu durchgebratene Fleisch.

Ich habe erst ein einziges Mal ein so gutes Steak gegessen wie im Bridge of Orchy Hotel, und das war an Bord eines Flugzeugs. Mit den Worten "It has been superb" schickte ich die Kellnerin in die Küche.

Anschließend tranken wir an der Bar noch je einen Whisky. Katja hatte einen mir völlig unbekannten Highland Malt namens Deanston, ich einen Speyside Malt, dessen Namen ich leider gleich wieder vergessen habe. Schließlich ließen wir uns nach einer Dusche von den Midges im Badezimmer des Bunkhouses zerstechen, schmierten die Hitzesalbe auf die Fersen und gingen ins Bett.

Freitag, 20. Juni 2008

Cashel–Inversnaid, 18 Kilometer

Katja konnte mir einen tollen Wetterbericht der letzten Nacht geben, da sie leider kein Auge hat zumachen können: Erst hatte es stark gewindet, dann später kam Regen dazu. Anschließend wurde das Wasser wieder vom Zelt heruntergepustet, und dann legte sich der Wind. Die erste Nacht im neuen Zelt war also leider ziemlich ernüchternd für sie. Nicht so für mich: Mein Schlaf war erholsam, meinen Muskeln ging es - nach einer kleinen Anlaufphase - hervorragend. Nur meine Achillessehne will einfach nicht besser werden. Aber das wird schon!

Zum sonnigen Frühstück (der heftige Wind hatte sich über Nacht ja bereits gelegt) gab es Müsli mit Milchpulver und eine Scheibe pappigen britischen Brotes mit Zitronengelee, das wir in Mollgäi beim B&B stibitzt hatten. Die Vögel hier sind sehr zutraulich, wie es Tierfreunde vermutlich nennen würden. Besser gesagt sind sie rotzfrech. Sie kommen bis auf einen halben Meter etwa herangehopst und gucken, ob sie was abstauben können. Bei uns allerdings können sie das nicht. Wir essen alles selber auf.

Nachdem wir Zelt, Schlafsäcke, Isomatten und alles andere Zeugs gerade in die Rucksäcke verpackt hatten, begann es aus heiterem Himmel heftig zu regnen. Und das, obwohl die Regenwahrscheinlichkeit für heute bei unter 50 Prozent lag. Vermutlich bedeutet das: "40 bis 50 % - heftige, aber nur kurze Schauer." Denn nach nur fünf Minuten war alles vorbei und die Sonne kam wieder heraus. Wir brachen auf. Kaum waren wir nur zehn Minuten unterwegs, meldete sich wieder meine Achillessehne zu Wort. Besonders hügelabwärts schmerzte sie sehr, aber auch in der Ebene, während hangaufwärts zu gehen kein Problem darstellte. Hangaufwärts störten nur die knapp 20 Kilo auf meinem Rücken.

Auf dem schmalen Pfad entlang des Loch Lomond trafen wir an einem Parkplatz zwei Arbeiter, die damit beschäftigt waren, den West Highland Way gartentechnisch in Schuss zu halten, sprich: Sie kappen die vielen Ranken am Pfadesrand. Mit ihnen kamen wir ins Gespräch. Als sie hörten, wir seien Deutsche, fragten sie uns, ob wir denn das "tolle Fußballspiel gestern" gesehen hätten. Nein, wieso? Deutschland habe Portugal spektakulär mit 3:2 besiegt, und dieser hässliche Blonde habe hervorragend gespielt, während Ballack "absolutely genious" gewesen sein soll. Wie bitte? Deutschland hat Portugal besiegt?? Unfassbar. Da vergaß ich glatt meine Achillessehne für ein paar Minuten. Endorphine tun halt doch ihre Wirkung. :-)

Schließlich, nach endlos scheinenden sechs oder sieben Kilometern, kamen wir in den Ort Rowardennan. Ort? Am Ortseingang: eine Ferienhaussiedlung, dann ein Hotel. Dann 500 Meter gar nichts, dann ein Parkplatz und eine offiziell wirkende Hütte, deren Sinn wir aber nicht zu ergründen gedachten. Vielleicht die lokale Vogelwarte? In einem Kilometer Entfernung sollte dann noch die Jugendherberge kommen, und das wäre es dann mit Rowardennan. Zunächst ließen wir uns aber auf dem Parkplatz direkt am Wasser auf einer Bank nieder. Die Straße endete hier, daher gab es auch keinen großen Autoverkehr. Auf der Parkbank analysierten wir meine Schmerzen in der Ferse und beschlossen, noch den Kilometer in die Herberge zu gehen und dann dort für eine oder zwei Nächte zu bleiben und meinem Fuß eine Pause zu gönnen. Zwar soll dort kein Frühstück serviert werden, dennoch hat das Etablissements gute Kritiken bekommen.

So hinkte ich denn Katja hinterher. In der Einfahrt zur Jugendherberge (hier führte eine andere Straße hin, während der West Highland Way immer schön am Ufer des Lochs bleibt) holzte eine Horde von für diese Tätigkeit unangemessen bekleideten Damen und Herren (die sahen alle aus, als hätte ein wildgewordener Polizist wahllos 20 Autos angehalten und die Insassen zu Fronarbeit verdonnert) den halben tropischen Regenwald ab, der sich in Form riesiger Rhododendren in der Einfahrt zur Herberge breit gemacht zu haben schien. Auf dem Parkplatz des Anwesens (nicht anders kann man die Jugendherberge nennen) standen die 20 Fahrzeuge, die der wildgewordene Polizist herausgewunken zu haben schien. "Die gehören doch hoffentlich zu den Arbeitern", sagte Katja, doch wir wurden enttäuscht. Ein Schild an der Rezeption sagte unmissverständlich, dass man "Full for Tonight" sei.

Was tun? Wir hatten uns doch für etwas Ruhe entschieden - ein paar Stunden keinen Stress für meine Ferse. Zurück nach Rowardennan? 1,5 Kilometer bis zum Hotel? Nein danke. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Dann lieber weiter. Wir konsultierten die Karte. Das nächste offizielle Etappenziel war das Hotel in Inversnaid - viel zu weit weg. Aber vorher sollte es noch einen ofiziell-wilden Zeltplatz und kurze Zeit später eine Lodge geben, die auf der Karte mit einem Bettensymbol versehen war, einige Kilometer vor Inversnaid dann auf dem unteren Weg (der Weg teilte sich 300 Meter nach der Lodge in einen Höhen- und einen alternativen Uferweg) noch eine Schutzhütte. Wir entschieden, zum Zeltplatz weiterzugehen. Meine Ferse rieben wir großzügig mit Mobilat ein, das einzige Mittel, das wir für solche Fälle mitgenommen hatten. Ich benutzte es schon seit zwei Tagen.

Bis zum Zeltplatz (und noch darüber hinaus) waren Massen an Leuten damit beschäftigt, Rhododendron zu vernichten. Soll der hier ausgerottet werden? Oder nimmt er einfach nur Überhand und wird einmal alle zehn Jahre zurückgeschnitten? Auf dem Zeltplatz rauchte es gewaltig; dort schien das ganze abgeschnittene Holz dann verbrannt zu werden. Also: Weiter zur Lodge. Immerhin war der West Highland Way hier ein gut ausgebauter, breiter Forstweg ohne große Steigungen oder Senken.

Der Weg dorthin muss für Katja eine Qual gewesen sein. Ständig hörte sie mein Jammern hinter sich: "Au!", "Geh nicht so schnell", "Ich brauch 'ne Pause" und so weiter und so fort. Doch sie nahm es mit großer Gelassenheit. Mir kreiste die ganze Zeit die Erinnerung an unsere 2006-er Weserwanderung von Hannoversch-Münden bis beinahe Hameln im Kopf herum: "Wieso immer ich, und wieso immer der rechte Fuß?" Damals hätte ich mir beinahe einen Ermüdungsbruch zugezogen.

Schließlich kamen wir über einen wunderschönen, Rhododendron-gesäumten Weg, der vom West Highland Way abbog, zur Lodge. Es handelte sich um ein hübsches, kleines Haus direkt am Ufer des Loch Lomonds, dahinter erstreckte sich eine frisch gemähte, grüne Wiese. Aber niemand war da. Was nun? Zurück zum Hotel in Rowardennan - mittlerweile fast drei Kilometer hinter uns, die wir noch einmal würden laufen müssen - oder lieber voran in Richtung Inversnaid auf dem unteren Weg, wo noch die Schutzhütte liegt?

Zunächst versuchten wir, telefonischen Kontakt zum Bunkhouse in Inversnaid herzustellen, um herauszufinden, ob es für uns noch einen Platz gab. Ein Bunkhouse ist eine Kategorie unter Jugendherbergen angesiedelt. Wir bekamen jedoch nur ein "Piep-Piep-Piep", dann brach die Verbindung ab. Mehrfach. Also versuchten wir es im Inversnaid Hotel. Mit dem gleichen, frustrierenden Ergebnis.

Ich schluckte Traumeel, ein Mittel gegen Entzündungen, das in Kombination mit dem allmählich wirkenden Mobilat ein kleines Wunder wirkte: Ein warmes Gefühl durchlief mich, dann konnte ich einigermaßen laufen. Jetzt allerdings machte sich - glücklicherweise nicht nur bei mir - die allgemeine Anstrengung bemerkbar, denn die Rucksäcke zogen uns ganz schön nach unten, denn wir mussten ganz schön nach hügelaufwärts krabbeln, um zur Abzweigung von Höhen- und Uferweg zu kommen. Oder hatten wir die Abzweigung schon verpasst? Doch zunächst trafen wir auf eine Schlange. Sie war etwa 30 cm lang, braun und wies keinerlei Zeichnung auf. Schlange oder Blindschleiche? Züngeln Blindschleichen mit gespaltener Zunge? Keine Ahnung.

Gerade als die Schlange den Abgang in die Büsche wagte, kamen drei mollige Damen den Hügel hinaufgeächzt. Eine davon identifizierte das Reptil als "Maybe a grass snake". Das wäre dann eine Ringelnatter. (Nach späteren Vergleichen bei Wikipedia glauben wir nun übrigens doch eher an eine Blindschleiche.)

Wir wanderten weiter und ließen die drei hinter uns pausieren. Stetig ging es hügelaufwärts. Längst hätten die 300 Meter nach der Lodge vorbei sein müssen, nach denen sich der Weg gabelt. Andererseits könnten wir aufgrund der Anstrengungen auch einfach ein ziemlich schlechtes Entfernungsgefühl haben. Zudem stand ich unter Drogen: Traumeel und Mobilat.

Wir tranken gerade einen Schluck Wasser, also uns die drei Damen wieder einholten. Sie waren definitiv fitter als ihr molliges Äußere Glauben machte. Wir fragten sie, ob auch sie heute nach inversnaid gingen. So kamen wir ins Gespräch, im Verlauf dessen ich mein Leid mit der Achillessehne (na, was heißt Achillessehne auf Englisch?) klagte, und dass wir nicht wüssten, ob wir in Inversnaid unterkommen können, da unser Telefon nur doof piepte. Eine der drei Ladies zog ihr Telefon heraus und rief kurzerhand und problemlos dort an. Sie buchte uns ein Zimmer und meldete, dass wir ungefähr gegen 18 Uhr dort ankommen würden.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die drei uns ganz gut verstanden haben. Aber wir verstanden wenig von dem, was die drei erzählten ... Doch eins war klar, denn die Frau mit dem Telefon war eine Einheimische, und sie sagte, dass wir lieber den Höhenweg gehen sollten, und *nicht* den Uferweg. Der Höhenweg sei und bleibe ein Forstweg mit nur leichten Steigungen und Gefällen. Der Uferweg hingegen sei heftiger. So entschieden wir uns denn für den Höhenweg. Doch auch ohne diesen Umschwung wären wir wohl auf dem Höhenweg geblieben, denn wir konnten die Abzweigung beim besten Willen auch später nicht finden.

Die Damen verabschiedeten sich, und wir zockelten hinterher. Nach einer halben Stunde hatten wir sie wieder, denn sie hatten es sich an einem Aussichtspunkt mit Parkbank gemütlich gemacht. Wir gingen, Traumeel-gedopt, weiter.

Schließlich, laut Karte 4,5 Kilometer vor Inversnaid, kam von links ein Trampelpfad herauf, und ich witzelte, dass das bestimmt der Uferweg sei, der hier wieder auf den Hauptweg stoße. Im Nachhinein war das so witzig nicht, denn der Pfad schien tatsächlich der großartig im Reiseführer beschriebene Uferweg gewesen zu sein.

Nun ging es auf einem schmalen Pfad weiter, nicht mehr auf dem guten Forstweg. Entsprechend langsamer wurden wir und entsprechend weniger wirkte das Traumeel. Der Pfad war ziemlich anstrengend: über Stock und Stein, Fels und Bach, rauf und runter, immer entlang am Loch Lomond und (fast) immer im Wald. Sobald wir anhielten, fielen kleine Fliegen über uns her, wohl angezogen vom Schweißgeruch. Die "typische" Highland-Szenerie (Matsch, Moor, Felsen, Heide) hatten wir bisher nur am Conic Hill, und der markiert lediglich die Grenze zwischen High- und Lowland, gehört aber noch nicht wirklich dazu.

Plötzlich, irgendwo auf dem Weg, stank es erbärmlich. Und da waren sie: vier wilde Ziegen, riesige Viecher mit riesigen, gefährlich aussehenden Hörnern. Sie standen einfach oberhalb des Pfades und fraßen. Sie beäugten uns neugierig, ließen sich aber nicht stören und schienen auch nicht aggressiv zu sein. Im Reiseführer stand, dass man sie "mit etwas Glück" sehen könne, aber auf jeden Fall zuerst riechen würde. So war es in der Tat.

Unser beider Füße taten mittlerweile höllisch weh. Meine Achillessehnenschmerzen waren von den Fußsohlenschmerzen verdrängt worden. "Wann kommt denn endlich Inversnaid?" war alles, was wir noch denken konnten. Es fing an zu regnen, aber das war uns egal, da hinter der nächsten Kurve doch bestimmt Inversnaid liegen würde. Doch hinter der nächsten Kurve kam nur noch eine weitere Kurve. Noch nicht einmal den Wasserfall, der "kurz vor Inversnaid" zu finden sein solle, war erreicht. Was heißt eigentlich "kurz vor"? Ein Kilometer? Zwei?

Der Regen hörte auf, die Sonne kam heraus, der Regen setzte wieder ein. Kurve. Kurve.

"Ich glaub, da steht ein Haus", hörte ich Katja von vorne sagen. Mir reichte die Kraft nicht, um zu jubeln. Der Wasserfall war übrigens nicht "kurz vor" Inversnaid, sondern "direkt an" Inversnaid. Er markiert sozusagen die Grenze von ziegenbewohnter Wildnis zu satellitenfernsehender Zivilisation.

Wanderer haben einen eigenen Eingang zum Hotel, was verschiedentlich als Diskriminierung verstanden wird. Ich empfand es als Segen: Dieser Eingang liegt direkt am West Highland Way und erspart dem fußkranken Wanderer die komplette Umrundung des viktorianischen Gebäudes.

Wir buchten uns für zwei Nächte ein, denn nun brauchten wir beide eine ordentliche Regenerationsphase, und bekamen Zimmer 192. Das ist das Zimmer, das am weitesten weg und am höchsten hinaus war. Die Treppen und Fußböden waren schief und krumm, verzogen vom Alter und der immer währenden Feuchtigkeit Schottlands. Alles Interieur wirkte ein bisschen wie Erstausstattung: viktorianisch. Die Betten allerdings waren sehr bequem, und beim Fernseher handelte es sich um ein modernes LCD-Gerät von LG.

Nur das Wasser der Badewanne, auf die wir uns so gefreut hatten, wollte und wollte nicht heiß werden. Ich setzte den Manager davon in Kenntnis, und er versprach, sich darum zu kümmern, jedoch könne er nichts versprechen.

Das Abendessen war ein Dreigangmenü. Vorweg gab es eine geschmacklich hervorragende Sellerie-Crème-Suppe, in der der Pürierstab jedoch gut und gern noch etwas hätte tanzen dürfen. Katjas vegetarische Quiche sah gut aus und war lecker, ebenso wie meine Lammkeule mit Minzsoße. Was allerdings an der Soße minzig gewesen sein soll, weiß der Koch alleine. Vielleicht ist "mint" ein Synonym zu "brown" oder "warm"? Sehenswert war die Beilagenplatte zu meinem Gericht: Alleine von diesen Beilagen wären wir zwei satt geworden. 300 g Erbsen, 300 g Möhren, 500 g Kartoffeln (alles übrigens komplett ungesalzen - das ist hier so üblich). Zusätzlich lag meinem Lamm noch so eine Art würziger Pommes und Katjas Quiche eine Menge Salat und Coleslaw bei (das ihr zu sahnig war).

Wir wurden beide pappsatt.

Als die osteuropäische Kellnerin uns "wenigstens eine Portion" Erdbeerkäsekuchen aufdrängte, war uns schon klar, dass wir den nicht würden schaffen können. Und als er dann da war, war uns klar, dass wir ihn nicht würden essen *wollen*: Er war ziemlich unansehnlich mit seinen Dosenerdbeeren. Geschmeckt hat er auch nicht.

Katja hatte zum Essen eine Limonade, und die war richtig, richtig lecker. Anscheinend hausgemacht. Und der Whisky im Glas ist zudem preiswert: 2,50 Pfund pro 2,5 cl, und außerdem gibt es eine große Auswahl an Malts. Die einfachen Panschwhiskys wie Johnny Walker oder Teacher's gibt es gar nicht erst, und auch die besseren Blends wie etwa Ballentines finden sich nicht auf der Karte. Doch auf Alkohol habe ich irgendwie keine Lust.

Im Fernsehen lief Fußball. Türkei gegen Kroatien. Das Spiel inklusive der dramatischen Verlängerung und dem noch dramatischeren Elfmeterschießen guckten wir uns noch an, dann gingen wir ins Bett. Ungewaschen, denn das heiße Wasser lief noch immer nicht.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Drymen-Cashel, 16 Kilometer

Am meisten schmerzte an diesem Morgen meine rechte Achillessehne. Sollte es gestern vielleicht doch ein wenig zu heftig gewesen sein? Mehr als 20 km gleich am ersten Tag war vielleicht doch ein bisschen zu heftig. Immerhin bewege ich insgesamt 105 Kilogramm an Masse durch die Gegend. Aber später, nach dem ersten kräftigen Regenguss, nach dem Anziehen des kompletten Regengeraffels, dem darauf beinahe folgenden Hitzschlag durch starke Sonneneinwirkung, nach etlichen Aufs und etlichen Abs, nach dem Auf- und dem Abstieg auf und vom Conic Hill sowie einem anschließenden Marsch von weiteren sechs Kilometern gab es nur wenige Quadratzentimeter meines Körpers, die nicht ebenso sehr schmerzten wie die Achillessehne. Die Fingernägel zum Beispiel taten nicht so doll weh. Auch Zahnschmerzen hatte ich nicht.

Katja ging es ebenso, aber ihr geschieht es wenigstens recht, denn sie wollte unbedingt auf den "nur" 350 Meter hohen Conic Hill, statt die bequemere Alternativroute zu gehen. Conic Hill ist nicht etwa konisch. Der Name stammt - etwas anders geschrieben - aus dem Gälischen und bedeutet in etwa "der Morastige". Das ist allerdings ein Merkmal, das nur auf den zweiten Blick offenbar wird. Hätte ich als Kelte das Recht gehabt, den Berg mit einem Namen zu belegen, so hätte ich ihn wohl eher "der Liebernichtmitvielgepäckzubesteigende" genannt. Denn er ist steil. Er ist sehr steil. Wir sind die weniger anstrengende Seite hochgestiegen, dafür hatten wir dann den Zonk beim Abstieg über unebene Stufen mit viel zu großer Schrittweite oder über felsiges Geröll.

Als wir endlich mit zitternden Knien unten im Ort Balmaha ankamen, hätten wir beinahe beide Lobpreisungen an den HERRN angestimmt. In Balmaha gab es ein Pub namens "Oak Tree Inn" (Motto: "Muddy Boots are Welcome"). Es war uns schon von einem Paar aus Leeds empfohlen worden, die in Drymen neben uns gefrühstückt hatten und die wir im Verlauf des Tages zweimal trafen. Hier versorgten wir uns für wenig Geld mit reichlich Sandwiches (die werden hier meistens mit Kartoffelchips gereicht - seltsame Sitte), dann ging es weiter ans Ufer des Loch Lomonds. Das Loch Lomond (Loch spricht sich übrigens *nicht* "Lok", sondern tatsächlich wie ein richtiges, deutsches "Loch") ist Schottlands größter See, und ein Loch kann fast alles sein, was mit Wasser zu tun hat: ein schmaler See, ein breiter See, ein runder See, ein Fjord, eine längliche Meeresbucht. Und wir liefen ab sofort an seinem Ufer entlang. Zunächst für vier Kilometer, wo der erste Campingplatz lag. Doch wir entschieden uns demokratisch in einer Urabstimmung dafür, zum nächsten Platz weiterzugehen, der nur zwei Kilometer entfernt war.

Hätten wir es mal gelassen.

Der West Highland Way hatte von nun an einige Überraschungen in Sachen plötzlicher Auf- und Abstiege in petto. Gleichzeitig wurde der Wind, der schon den ganzen Tag über heftig geweht hatte, immer stärker. Als wir schließlich nach nur 16 km Marsch (okay, über einen fiesen Berg rüber) am Campingplatz ankamen, waren wir beide ziemlich fertig. Wir bauten unser Zelt auf (laut Hersteller geht das auch bei starkem Wind mit nur einer Person, und was soll ich sagen: Es stimmt! Allerdings machten wir das dennoch zu zweit), verstauten die Sachen und begannen, Essen zu kochen.

Traditionell hätte es eine Dose Ravioli pro Person geben müssen, aber diese Tradition hat ein echt gewichtiges Problem. Statt also Konserven zu schleppen hatten wir vorab Convenience-Food gekauft, also diese Nudelgerichte in Tüten, die man in Wasser kippt und ein bisschen kocht. Die machen satt, schmecken besser als das Zeug aus den Bundeswehr-EPAs und sind verhältnismäßig klein und leicht. So gab es denn also Spiralnudeln in Bolognesesoße - und die haben fast geschmeckt wie meine geliebten Ravioli. Und sie sahen auch fast so aus.

Nach dem Essen und dem Abwasch ging es unter die heiße Dusche. Dieser Campingplatz hat richtig schöne, saubere Sanitäreinrichtungen, die nicht nur gut aussehen und funktional sind, sondern die auch noch gut riechen. Und sie sind Code-gesichert. Den Code gab es beim Einchecken.

Heute läuft Fußball: Deutschland gegen Portugal. Da Deutschland vermutlich eh keine Chance hat, sparen wir uns die zwei Meilen zum nächsten Pub. Statt dessen gehen wir lieber pennen. Vielleicht hilft das, der Muskelschmerzen Herr zu werden? Besonders schlimm sind momentan die Schultern wegen des Gewichts des Rucksacks. Und natürlich die Achillessehne.

Montag, 16. Juni 2008

Jeder hat sein Bündel selbst zu tragen

Gestern haben Katja und ich unsere Schottland-Rucksäcke gepackt. Katjas Rucksack bringt lediglich 15 Kilo auf die Waage. Weniger als jemals zuvor! Mein eigener liegt bei sogar nur 13 Kilo, allerdings werde ich noch das Wasser aufnehmen, also mindestens drei weitere Kilogramm bekommen, vermutlich sogar viereinhalb, sowie außerdem das Benzin für den Kocher (das wir natürlich erst nach dem Flug in Schottland kaufen können). In die Brennerflasche passen 0,6 Liter, das sollten dann vielleicht zusätzlich so 300 oder 400 Gramm sein. Dennoch werde ich selbst mit weniger als 20 Kilo laufen, und das ist für mich ein Novum. Langsam zahlen sich die Investitionen in leichte Materialien anscheinend aus. Dazu kommt noch, dass dieses Mal fast kein Geraffel außen am Rucksack hängt – wir benötigen nicht einmal Außentaschen. Und außerdem habe ich das Gefühl, dass ich zu viele Klamotten eingepackt habe. Hrmpf.

Heute gehen wir noch einmal die Reste einkaufen, die uns noch fehlen, etwa Teebeutel, Blasenpflaster und ein paar Energieriegel. Und los geht's gleich. :-)