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Sonntag, 29. Juni 2008

Skye und Glasgow

Wir sind tatsaechlich nach Skye gefahren. Von King's House haben wir noch am selben Tag den Bus genommen und sind nach Fort William aufgebrochen. Da haben wir eine Nacht verbracht und sind am naechsten Tag mit dem Bus durch das wunderbare Glen Coe und an der Fjordkueste entlang bis nach Portree gejuckelt.

Das Wetter war leider ziemlich bescheiden. Schon bei der Fahrt nach Portree, dem Hauptort auf Skye, haben wir kaum etwas gesehen. So haben wir uns dann auch das Wandern geschenkt, denn ohne Sicht und im stroemenden Regen Wandern macht nun wirklich keinen Spass. Damit wir nicht bloss in unserem unglaublich netten B&B rumhaengen mussten haben wir uns ein Auto gemietet (Katja ist gefahren) und haben damit die Insel erkundet.

Der Wetterbericht fuer den ersten Tag auf Skye verhiess leichte Bewoelkung. Wir hatten starken Regen. Am zweiten Tag sollte starker Regen ueber uns hereinbrechen - wir hatten leichte Bewoelkung. Traue keinem Wetterbericht auf BBC one.

Sobald man etwas von Skye sehen konnte hat sich der Blick gelohnt. Am zweiten Tag, an dem wir das Auto hatten, und als das Wetter verhaeltnismaessig gut war, haben wir eine richtig schoene Erkundung gemacht. Aber alles hat ein Ende, so auch unser Besuch auf Skye. Von der Suedspitze sind wir mit der Faehre nach Mallaig uebergesetzt und dann von dort per Dampflok (die aus den Harry-Potter-Filmen, danke fuer den Tipp, Gerrit!) von Mallaig nach Fort William gefahren. Von dort sind wir dann direkt weiter nach Glasgow, wo wir jetzt sind.

Lustigerweise treffen wir seit Skye ein deutsches Paerchen immer wieder. Mit ihnen sind wir im Bus von Portree nach Armandale gefahren, haben die Faehre nach Mallaig benutzt, sassen im selben Dampflok-Abteil, fuhren weiter im Regionalzug nach Glasgow und trafen sie im Bahnhof Queens Street wieder, wo sie auf einem Stadtplan die Renfrew Street suchten, in der ihre Herberge und unser Hotel liegen. Und gerade setzen wir uns in dieses Internet-Cafe, und da sitzen die beiden schon wieder da. Am Dienstag kommen wir zurueck; ob wir uns bis dahin noch einmal per Blog melden, weiss ich nicht - das ist eher unwahrscheinlich. Aber spaeter, wenn wir wieder zu Hause sind, trage ich unser Tagebuch nach. Das wird eine Heidenarbeit... Ich glaube, ich lasse Katja tippen :-)

Dienstag, 24. Juni 2008

Bridge of Orchy – Fort William, 20 Kilometer

Man sollte meinen, dass ein alteingesessenes Hotel gewisse Dinge routinemäßig erledigt. Etwa, seinen Gästen das Frühstück kredenzen. Doch manchmal irrt man sich in seinen Annahmen. Im Bridge of Orchy-Hotel lief einigermaßen alles schief, was beim Frühstück schief gehen kann. Allerdings habe ich den Verdacht, dass das nicht am Hotel selbst lag, sondern an der Dame mittleren Alters, die ein Gesicht zog wie Grotgork, weil sie uns bedienen musste. Es gab also Tassen, aber es gab keinen Tee. Es gab Toast, aber keine Teller. Dann kam Tee, aber Zucker und Milch fehlten. Dann kam ein Teller, aber kein zweiter. Und außerdem kippelte der Tisch wie verrückt. Geschmeckt hat das Frühstück trotzdem, besonders das Porridge.

Wir brachen mit steifen (und mit "Deep Heat"-Salbe eingeschmierten) Achillessehnen um 8:30 Uhr auf, allerdings gaben wir vorher noch unsere Rucksäcke an der Rezeption für Travel-Lite auf. Für acht Pfund pro Tasche sollten sie nun von hier zum King's House Hotel transportiert werden, dem Ziel des Tages.

Von meinem Rucksack hatten wir das Deckelfach gelöst, in das wir unsere Regenhosen und den mit Wasser gefüllten Platypus verstauten. Das Erste-Hilfe-Paket wanderte an den Gurt der vor dem Urlaub gekauften Kängurutasche, in der wir alles Wichtige stets am Mann transportierten: Papiere, Kamera, Müsliriegel, Schmerztabletten und Blasenpflaster.

Noch als wir vor dem Hotel Wasser in den Platypus füllten, attackierten uns die ersten Midgie-Schwärme. Sofort setzten wir unsere in Tyndrum erworbenen Mückennetze auf den Kopf und hatten unmittelbar Ruhe vor den Plagegeistern. Zumindest am Kopf. Die Hände jedoch waren nur bei Bewegung oder Wind Midgie-frei. So zogen wir also los, total lächerlich aussehend mit unseren olivfarbenen Netzen auf den Köpfen.

Als erstes kam ein Hügel, der uns Tags zuvor Sorge bereitet hatte, weil er laut Landkarte ziemlich steil war. Die Höhenlinien lagen ziemlich eng zusammen, und aus dem Druck ging nicht eindeutig hervor, wie steil wir würden gehen müssen. Lustigerweise bereitete uns der Berg keinerlei Probleme. Wir fanden die ganze Tour rauf und runter als ziemlich einfach. Später kamen wir darauf, dass dieses Empfinden möglicherweise ans Fehlen unserer Rucksäcke gekoppelt war.

Es folgte eine wunderbare Wanderung durch die Highlands – ohne Sicht und bei absoluter Windstille. Unsere Sichtweite betrug vielleicht ein Kilometer, vielleicht auch zwei, danach verschwand die Landschaft im Dunst. Die Sonne schien den ganzen Tag nicht, die tief hängenden Wolken lösten sich nicht auf. Dadurch, dass kein Wind blies, erklärten die Midges diesen Tag zu ihrem persönlichen Nationalfeiertag. Und das wiederum hieß, dass wir uns überlegen mussten, wie wir essen und trinken würden, ohne selbst zur Nahrung zu werden. Die Lösung war einfach: Während man sich bewegt, landen die Midges nicht, weil der "Fahrtwind", den man verursacht, offenbar unangenehm für sie ist. Das hieß, dass wir während des Gehens essen mussten. Wir hatten ohnehin nur Müsliriegel dabei, daher war das auch praktikabel. Netz hochklappen (huch! frische Luft!), essen, Netz wieder runterklappen.

Trinken war ebenso einfach. Ein Platypus sieht aus wie eine durchsichtige Capri-Sonne-Tüte mit zwei Litern Fassungsvermögen, nur dass der Inhalt in aller Regel nicht so chemisch schmeckt. Er hat oben etwa da, wo bei der Capri-Sonne der Trinkhalm rein muss, einen Schraubverschluss. Den Verschluss schoben wir unter dem Netz durch und drückten das Wasser einfach nach oben durch den "Trinkhalm". Bis die Midgies diesen Trick raushatten, waren wir nicht mehr durstig.

Auf halber Strecke nervte mich irgendwas in meiner Cargohose am rechten Bein. Ich blieb stehen und öffnete die Hose, um nachzusehen, was das war. Und ach du je - es war der Schlüssel zu unserem Bunkhouse-Zimmer. Ein riesiges Teil, das ich eigentlich hatte abgeben wollen, dann aber in die Tasche gesteckt hatte, um die Hände zum Platypus-Füllen frei zu haben. Was denn nun? Zurücklaufen? Katja hatte zwar ihr Handy mit in der Umhängetasche, aber die Telefonnummer des Hotels lag mit unserem Reiseführer zusammen im Rucksack, der gerade per Lieferwagen durch die Gegend geschaukelt werden dürfte. Obwohl...? Ich hatte ja von Tyndrum aus das Bunkhouse reserviert, also müsste die Nummer doch noch gespeichert sein! Aber – haben wir hier überhaupt Empfang, mitten im Rannoch Moor? Funkmasten konnten wir nirgends sehen. Katja schaltete das Telefon ein. Wir warteten auf die Signalstärke. Eine halbe Minute passierte nichts. Dann: Vodafone UK, volle Leistung.

Ich rief im Bridge of Orchy Hotel an und berichtete über meinen Fund. Dort lachte man nur und sagte, ich sei nicht der erste, dem das passiert sei. Im King's House solle ich den Schlüssel einfach abgeben und per Travel-Lite zurückschicken lassen. Die sind ja mal cool, die Leute.

Weil wir uns ob unserer geschundenen Fersen recht langsam bewegten, überholte uns eine englische Reisegruppe. Keiner von diesen Leuten war gegen Midgies gerüstet, alle wedelten permanent mit den Händen in der Luft herum. Einer sagte im Vorübergehen zu Katja: "I'll give you one thousand Pounds for that hat." Aber da, so fanden wir, wäre er wohl ein bisschen zu billig davongekommen. Schließlich hatten wir noch zehn, elf Kilometer vor uns! (Später stellte sich übrigens heraus, dass die englische Reisegruppe eigentlich eine deutsche Reisegruppe war, und der Typ mit dem 1000-Pfund-Angebot ihr hervorragend deutsch sprechender Reiseleiter.) Außerdem trafen wir unsere erste Reisebekanntschaft wieder, jenem allein reisenden Schotten aus Glasgow, der kurz vor Drymen auf dem Campingplatz geblieben war.

Die Highlands hätten wunderschön sein können, wenn wenigstens ein bisschen Wind gegangen wäre und die Midges vertrieben hätte. So aber steckten wir in unseren Mückennetzen fest, hinter deren dünner Stofflage sich trotz nur 10 oder 13 Grad Außentemperatur eine drückende Schwüle aufbaute. Sogar unsere Brillen beschlugen. Ich setzte meine ab und steckte sie in die Tasche. Im Gegensatz zu Katja bin ich nicht wirklich auf die Sehhilfe angewiesen.

Der Weg lief durch absolute Einsamkeit. Einige Kilometer östlich von uns verlief die Schnellstraße zwischen Glasgow und Fort William, die wir ab und zu sehen, jedoch nie hören konnten. Hätten wir aus irgendeinem Grunde zur Straße gemusst, wären wir aufgeschmissen gewesen. Sie war durch das Moor, das sich insgesamt noch für weitere 30 Kilometer nach Osten erstreckt, so gut wie unerreichbar. Damals in Irland hatten Béla und ich für eine Strecke von nur vierhundert Metern in vergleichbarem Terrain eine satte Stunde benötigt - und hinterher waren wir ziemlich kaputt.

Doch hatten wir gar keinen Anlass, zur Straße zu wollen. Der Weg, auf dem Katja und ich liefen, verlief deutlich oberhalb der Schnellstraße. Er bestand größtenteils aus einer alten Militärstraße der britischen Besatzer und war einigermaßen einfach zu gehen. (Andererseits haben die Römer 1500 Jahre früher bessere und haltbarere Straßen gebaut als die englische Armee im 18. Jahrhundert.) Wir fragten uns, unter welchen Umständen der Weg wohl gebaut worden war. Schottische Sklavenarbeiter? Ausländische Kriegsgefangene? Britische Strafkompanien? In jedem Fall haben die Arbeiter und ihre Aufseher wohl unsäglich unter den Midges leiden müssen.

Schließlich konnten wir unser Etappenziel King's House Hotel von unserem Weg aus sehen: ein weißer Fleck vor einem riesigen Bergmassiv. Links und rechts sonst nichts, nichts, nichts als Ödnis und der Schnellstraße als Verheißung von Zivilisation.

Die Bezeichnung "King's House" zeigt deutlich die schottische Wertschätzung gegenüber englischer Monarchengeschlechter: Als es den Namen erhielt, handelte es sich bei dem Gebäude um eine Viehtreiberunterkunft.

Etwa zwei Kilometer vor dem königlichen Gemäuer steht ein Schild mitten in der Pampa: "Cafe open 9-4". Darunter ein Pfeil nach links, der auf einen kleinen, offenbar frisch angelegten Weg weist. Dort geht es zum größten schottischen Skigebiet, dessen Café eben auch im Sommer offen hat. Wir entschieden uns ob der frühen Stunde, dorthin zu gehen.

Zunächst waren wir die einzigen Gäste in diesem modernen, wenig gemütlichen, aber vollständig aus Holz gebauten Cafékomplex. Doch wie so oft: Kaum hatten wir unsere Soups of the day bestellt (ja, es gab zwei: Carrots and Sweet Potatoes sowie Spicy Sweet Tomatoes; erstere war sehr, sehr gut, letztere schmeckte ein bisschen wie verdünnte Miracolì-Soße) stürmte eine Horde von zwei Leuten das Etablissement. Übrigens gab es hier kostenlosen Internet-Zugang. Um in den Genuss des Bloggens zu kommen mussten jedoch zwei Hürden überwunden werden: Erstens wurde die Geduld auf die Probe gestellt, denn anscheinend hatte es jemand geschafft, einen 386er mit Windows XP auszustatten. Dies war der definitiv langsamste PC, den ich je gesehen habe. Außerdem lag das @-Zeichen nicht da, wo es laut Tastaturbedruckung der englischen Standard-Windows-Tastatur hätte liegen müssen. Da ich Mac-User bin, weiß ich eh nicht, wo bei Windows das @-Zeichen liegt, und dann noch auf einer UK-Tastatur? Das @-Zeichen ist jedoch wichtig zum Bloggen, weil ich hier zur Anmeldung meine E-Mail-Adresse eingeben muss.

Ich behalf mich, indem ich eine Seite aufrief (rödel, rödel), auf der ein @ zu sehen war, kopierte es in die Zwischenablage und setzte es dann an entsprechender Stelle im Login-Fenster wieder ein. Und das alles im 386er-Tempo von 1993. Immerhin konnte ich ein paar Zeilen schreiben.

Unterdessen machte sich Katja Gedanken über die kommenden Tage – und entschied, dass wir die Wanderung beendeten. Allerdings schaffte sie es später, mich davon zu überzeugen, dass das einzig und allein meine Idee gewesen war. Wir verließen das Café und liefen zum zwei Kilometer entfernten King's House Hotel. Draußen tobte ein frischer Wind – die Midges waren gottlob endlich fortgeblasen.

Wir hatten bereits vorher durch Chris und Steve in Erfahrung gebracht, dass das King's House Hotel voll war. Wir wussten auch, dass die daneben gelegene Wiese, auf der man für eine Nacht zelten darf, keinerlei sanitäre Einrichtungen hat und das Hotel dem Zelter nicht zur Verfügung steht. Darum tranken wir einen Tee mit dem Schotten aus Glasgow, den wir in der Bar des Hotels trafen (wo ich den Schlüssel für Bridge of Orchy abgab und mich nach unserem Gepäck erkundigte) und der uns erzählte, er habe sich sein Zimmer bereits im Januar (!!) gebucht, um sicher für diese Nacht unterzukommen. Gegen 17 Uhr verabschiedeten wir uns, schauten auf dem Zeltplatz noch einmal nach Chris und Steve (wo bleiben die denn?) und gingen dann zur Straße, um auf den Bus nach Fort William zu warten.

Die Wolken, die dank des plötzlich aufgetretenen, munteren Windes endlich auch zu sehen waren, weil der Dunst mitsamt den Midges weggepustet worden war, waren phänomenal. Sie türmten sich an den Bergen auf, stiegen empor, krabbelten über ihre Gipfel und sanken auf der anderen Seite wieder herab. Doch dann kam schon der Bus, der uns leider viel zu schnell durch Glen Coe nach Fort William trug.

Glen Coe. Das schönste Tal Schottlands, so sagen viele.
Katjas Erinnerung an Glen Coe ist: grün.
Meine Erinnerung an Glen Coe ist: Berge und Kurven. (Katja hatte im Bus "Extra für dich!" einen Sitz gewählt, von dem aus ich eine großartige Aussicht auf eine, nun ja, recht freizügig bekleidete und wohlgeformte Schottin hatte.)

Fort William ist die größte Stadt der Highlands und eine Touristenfalle, weil es direkt am Fuße des Ben Nevis gelegen ist, dem mit tausendzwohundertirgendwas Metern höchsten Berg der britischen Inseln. Interessanterweise ist der Ben Nevis 300 Tage im Jahr nicht zu sehen, trotzdem ist das Nest voller Bergsteiger und Tagesausflügler. Entsprechend teuer ist hier alles. Das Hotel, in dem wir schließlich Unterkunft fanden, war nichts besonderes, kostete aber 40 Pfund pro Nase. Das Essen, das wir in der Fußgängerzone in einem wenig anheimelnden Restaurant/Pub hatten, war okay bis gut, aber mit über 20 Pfund eigentlich auch zu teuer für Schottland: Katja hatte ein überbackenes Hähnchenschnitzel, ich einen (sehr guten) Angus-Beef-Burger. Dazu kamen zwei Limonaden. Anschließend haben wir noch das Ende des West Highland Ways gesucht und gefunden und ein paar Beweisfotos gemacht. Allerdings ging mir dieser Spaziergang zum Schluss des Tages ganz schön auf den Nerv, genauer: auf die Sehne. Mittlerweile machte ich mit dem rechten Bein derartige, falsche Ausgleichsbewegungen, dass meine ganze rechte Wade hart war und mir das ganze Bein weh tat. Die letzten 500 Meter ins Hotel dachte ich nicht schaffen zu können. Ich humpelte und hinkte, es tat fürchterlich weh. Endlich kamen wir im Hotel an. Unser Zimmer hatte eine Badewanne, das Wasser war heiß und es hatte Druck. Selten habe ich mich so sehr über ein richtig heißes Bad gefreut. Ich stieg hinein (aaaaaaaah!), setzte mich, legte mich ab und blieb erst einmal liegen. Sofort wurde es meinem Bein besser. Ich blieb so lange im heißen Wasser sitzen, bis ich ganz verschrumpelt war und sich Katja beschwerte, weil sie auch noch baden wollte. Aber als sie dann drin saß sagte sie: "Hier gehe ich nie wieder raus!"

Währenddessen lief eine faszinierende Kochshow im Fernsehen. Das Ding hieß "The f-word". Zu Hause muss ich mal nachforschen, was genau das ist. Schließlich (auch Katja war mittlerweile wieder aus der Wanne aufgetaucht) gingen wir ins Bett. "Lass uns morgen mal ein bisschen länger schlafen", sagte Katja noch und stellte den Wecker auf 8 Uhr.

Sonntag, 22. Juni 2008

Inversnaid–Tyndrum, 0 km zu Fuß

Gegen Morgen schlief ich schlecht. Mein Bett stand zum offenen Fenster hin, und draußen rauschte es mächtig. Es regnete Katzen und Hunde, wie der Brite sagt. Immer wieder schlief ich ein, immer wieder wachte ich auf. Das Rauschen klang nach Weltuntergang.

Endlich standen wir auf und schauten uns das Drama an: Es regnete wirklich Bindfäden. Und ausgerechnet heute stand die schwierige und gefährliche Etappe nach Inverarnan an. Gefährlich besonders nach Regen.

Wir entschieden, beim Portier zu fragen, ob man irgendwie anders nach Inverarnan oder wenigstens nach Crianlarich kommt, den nächsten größeren Ort. Das Inversnaid Hotel liegt nämlich mehr oder weniger von der Zivilisation abgeschnitten, schwer zu erreichen am Ende der Seitenstraße eines Feldwegs. Es gibt keine Bus- oder Zugverbindung, keine Taxis, nicht einmal Privatautos, denn der Ort besteht eigentlich nur aus diesem Hotel, und das Personal ist zu 80 % osteuropäischer Herkunft mit Heimstatt im Hotel. Doch Andrej, der slowakische Portier, hatte sofort eine Lösung parat: Mit der Fähre über das Loch übersetzen, dann an die dort verlaufende Straße stellen und einfach den Bus rauswinken. So konnten wir beruhigt und angereichert mit Andrejs Sightseeingtipps frühstücken gehen.

Bei diesem Frühstück habe ich mich erstmals an Porridge gewagt. Schon die deutsche Bezeichnung "Haferschleim" klingt nicht sonderlich appetitlich. Was dann aber in meiner Schüssel dampfte, sah in der Tat noch widerlicher aus, als das Wort "Schleim" erahnen ließ. Trotzdem habe ich es probiert, erst zögerlich, dann jedoch überrascht: Porridge ist im Gegensatz zum ekelerregenden Äußeren komplett fad. Es schmeckt nach gar nichts, verbreitet aber eine angenehme Wärme im Mund. Auch das Taktile des Schleims war gar nicht sooo übel. Also habe ich ein bisschen Zucker reingerührt, und siehe da: lecker! (Später erfuhr ich, dass die Schotten normalerweise Salz reingeben.) Katja hat mit ziemlichen Ekel zugesehen, wie Löffel nach Löffel des körperwarmen Pamps in mir verschwand. Hätte ich ihr zusehen müssen, wäre vermutlich *mir* schlecht geworden. :-) Probieren wollte sie übrigens nicht.

Direkt im Anschluss an das Frühstück haben wir unsere Siebensachen gepackt und sind im mittlerweile nur noch leichten Regen vor das Hotel getreten. Verdutzt schauten wir nach dem Wasserfall. Gestern (ich habe noch einmal nachgeschlagen) beschrieb ich ihn als "milde rauschend", heute fände ich andere Adjektive dafür, "tobend" etwa, "schäumend" oder "reißend". Und sein Wasser war braun von mitgerissenem Torf und Erdreich. Was ein bisschen Regen über Nacht bewirken kann ...

Schließlich gingen wir runter an den Pier. Trotz des leichten Regens tauchten plötzlich riesige Schwärme klitzekleiner Fliegen, "Midges" genannt, auf, die sogleich begannen, uns und die nach uns zum Pier gezockelt gekommenen Senioren aufzufressen. Unfassbar: Da standen wir im Regen und hatten ein Insektenproblem. Die typische Handbewegung des Vormittags war ein wildes Wedeln vor dem Gesicht. Diese Midges haben etwa Fruchtfliegengröße, aber sie setzen sich auf jede freie Hautstelle und hinterlassen einen ziemlichen Juckreiz. Ausgesprochen unangenehm.

Schließlich kam die Fähre, ein überdachtes Boot mit 60 Mann Kapazität. Einer der Schiffer trug ein olivfarbenes Mückennetz über dem Kopf. Schlau. Echt schlau. Anscheinend sind die Eingeborenen hier vorbereitet auf Midges.

Beinahe hätten wir nicht mehr mit dem Boot mitgedurft, weil dr Kahn zu voll wurde. Dabei waren wir die ersten am Pier gewesen. Dennoch: Mit unseren Rucksäcken hätten wir vier Plätze eingenommen, und die Senioren hatten eindeutig Vorrang. Wir blieben also in Regen und Midgieschwarm draußen stehen, bis klar war, dass wir stehend mitgenommen werden würden. Die Rucksäcke allerdings mussten draußen bleiben und wurden auf das Bootsdach gelegt, nur gesichert durch eine niedrige Reling.

Das Loch war ruhig, Wind ging keiner. Dafür wurde der Regen wieder etwas stärker. Auf der anderen Seite des Lochs angekommen (das Übersetzen hat übrigens nichts gekostet) wies uns der Fährmann noch den Weg zur Straße. Wir sollten uns an ein blaues Tor am dort befindlichen Wasserkraftwerk stellen. Dort könnten wir den Bus am besten herauswinken, weil Platz zum Halten sei und der Busfahrer einen auch rechtzeitig sehen könne. Auf dem Weg dorthin fiel uns ein anderer Wanderer auf, der bereits am Straßenrand stand und offenbar auf den Bus wartete. Weil er aber dort ganz fürchterlich falsch war, nämlich in einer langgezogenen Kurve, in der weder er den Bus noch der Busfahrer ihn in seinem nassen, grün-braunen Outfit sehen würde und wo auch kein Platz zum Halten war, riefen wir ihn an und luden ihn ein, mit uns zu warten. Wir stellten uns unter die Äste eines Baumes nahe des blauen Tors am Kraftwerk.

Der nasse Knabe war ein 28-jähriger Amerikaner aus North Carolina (schon wieder so einer!), der derzeit in der Welt herumtingelt und sich sein Campingzeug von schottischen Freunden zusammengeliehen hatte. Leider war das Material wohl nicht so toll: Sein Zelt hatte der letzten Regennacht nicht standgehalten und sein Schlafsack war nass geworden, und so wollte er nach Crianlarich in die Herberge, um wieder zu trocknen. Wir unterhielten uns prima und trennten uns dann, als der Bus (den wir erfolgreich nach 40 Minuten Warterei im Regen herausgewunken hatten) in seinem Zielort hielt. Katja hatte mittlerweile demokratisch entschieden, noch einen Ort weiter zu fahren, nach Tyndrum.

Die etwa 30 km zwischen Inversnaid und Tyndrum, für die wir zu Fuß zwei Tage veranschlagt hatten, legten wir so in nur etwas mehr als einer Stunde zurück - und davon war die halbe Zeit für Warterei auf Fähre und Bus draufgegangen.

In Tyndrum angekommen steuerte Katja erst einmal die Touristinformation an, die nur ein paar Meter vom Busstop entfernt war. Dort ließen wir uns ein B&B buchen. Allerdings machte das erst um 16 Uhr auf, und es war gerade mal erst 11 Uhr. Na gut, es gab immerhin öffentliches Internet, das nicht zu teuer war, und wo ich meine erste Meldung aus Schottland ins Blog postete. Aber dann blieb nur noch der Weg zur Tankstelle, wo wir (A) Postkarten, (B) Briefmarken und (C) für 4,50 Pfund pro Stück Anti-Midgie-Netze für unsere Köpfe kauften. Danach blieb uns nur noch der Gang ins Pub, um die Postkarten zu schreiben und vor dem Regen geschützt die Zeit totzuschlagen.

Wir aßen die Gemüsesuppe des Tages und ertrugen den persönlichen Musikgeschmack der leitenden Bedienung (R&B der schlimmsten afroamerikanischen Sorte - derartige Musik schürt vermutlich Rassismus), bis endlich ein Schichtwechsel eintrat und sich jemand erbarmte, auf das Formel-1-Rennen umzuschalten. Das war zwar ebenso langweilig, aber der Sound war eindeutig besser. Wir konnten davon 27 Runden sehen (ich orderte unterdessen ein Panini, das ist ein getoastetes Baguette mit allerlei Belag), dann, zwei Runden vor Schluss und ein halbes Panini vor mir, kam plötzlich das Pärchen aus Leeds herein, das wir zuletzt in Balmaha vor dem Oak Tree Inn getroffen hatten. Endlich hatten wir nette Gesprächspartner am Tisch!

Der Nachmittag mit Steve und Chris, so hießen die beiden, wurde sehr lustig, und ich habe keine Ahnung, wer das Rennen gewann. Steve und ich, so entdeckten wir sehr schnell, haben gemeinsame Interessen: Geschichte, Politik und Single Malt Whisky. Entsprechend hatten wir viel zu erzählen, inklusive einiger Fachsimpelei über die an der Bar ordentlich aufgereihten Whiskyflaschen. Schließlich, viel später als 16 Uhr, verließen wir das Pub, um noch ins B&B einzuchecken. Die zwei anderen gingen noch etwas zu essen einkaufen, wir verabredeten uns aber für halb sieben zum Abendessen.

Wir waren absolut pünktlich - und das, obwohl wir keine Uhr dabei hatten. Steve und Chris saßen schon da - und hatten bereits gegessen. So aßen denn nur Katja und ich etwas, dann genossen wir noch einige kleine Gläschen edlen Malts. Chris und Katja kamen dabei ebenfalls nicht zu kurz. Die beiden gingen dennoch recht früh, weil sie vorher wenig Schlaf gekriegt hatten, und so gingen auch wir zu unserer Unterkunft, um zu duschen (die Dusche und das Waschbecken waren direkt im recht engen Zimmer untergebracht, wohingegen man sich die einzige Toilette mit vier oder fünf anderen Räumen teilen musste). Ich schrieb Tagebuch, danach schauten wir, ob Italien oder Spanien rausfliegt. Spanien kam weiter.

Ob wir Chris und Steve wiedertreffen? Jedenfalls haben wir E-Mail-Adressen ausgetauscht und wollen locker in Kontakt bleiben.

Erster Post in Schottland

Wir sind da. Uns geht es gut. Das Wetter ist schottisch: "It's raining cats and dogs." Das sind die wichtigsten Botschaften des Tages. Tut mir Leid, dass wir uns nicht frueher gemeldet haben.

Dies ist das erste Internet-Cafe, das wir gefunden haben, und wir sind bereits in Tyndrum. Die ersten drei Tage von Milngavie bis Drymen, von Drymen bis Cashel und von Cashel bis Inversnaid waren derart koerperlich anstrengend, dass wir gestern bei halbwegs schoenem Wetter einfach mal einen Tag Pause im Inversnaid Hotel gemacht haben. Und heute Nacht ging es dann los mit dem Weltuntergangswetter. Darum haben wir uns entschieden, die als schwierigste und gefaehrlichste geltende Strecke des West Highland Ways zwischen Inversnaid und Inverarnan nicht zu Fuss zu gehen, sondern mit dem Bus zu fahren. Dann haben wir noch ein paar Kilometer im Bus drangehaengt, um ein bisschen zu trocknen. Das haben wir getan, und da sind wir jetzt.

Das Internet-Cafe ist gar nicht mal so teuer, wird aber ueber Muenzen betrieben, von denen wir nicht viele haben (Gewicht!). Darum kann ich nicht alles posten, was ich gerne posten moechte. Wir fuehren allerdings Tagebuch, so dass wir unsere Erlebnisse auf jeden Fall nachtraeglich einstellen werden.

Heute bleiben wir in Tyndrum und schlafen im teuersten Bed & Bedfast, das uns bislang untergekommen ist (28 £ pro Nase), und da ist noch nicht einmal eine Toilette im Zimmer. Aber eine Dusche. Naja, mal schauen.

Wir melden uns so schnell wie moeglich wieder. Bis dahin alles Gute and a safe journey!

Samstag, 21. Juni 2008

Inversnaid

Es ist der längste Tag des Jahres. Leider sieht man nicht allzu viel davon. Es regnet zwar nicht, aber die Wolken hängen tief über dem Loch.

Es gibt nicht viel zu tun in der Ödnis von Inversnaid. Das Personal langweilt sich, weil die Gruppe ältlicher Leute, der das Hotel derzeit gehört, mit der Fähre aufgebrochen ist, um sich anderswo zu vergnügen, und das Hotel so in himmlischer Ruhe gelassen hat.

Wir haben das Zimmer wechseln können und sind jetzt in Raum 238, wo es zwar heißes Wasser gibt, aber der Wasserdruck geradezu lächerlich winzig ist. Außerdem haben wir keine Wanne mehr, sondern nur noch eine Dusche. Die Hälfte des Wassers dieser Dusche strömt, nein: rinnt direkt an der Wand herunter, während die andere Hälfte vom Duschkopf herabtröpfelt. Ansonsten hat dieses Badezimmer nur ein Viertel der Fläche des vorherigen Bades, kein Fenster, dafür aber ersatzweise einen funktionsunfähigen Lüfter. Ansonsten ist das Zimmer ordentlich und liegt nur in 20 Meter Luftlinie zum milde rauschenden Wasserfall.

Katja ging hinaus, um ein paar Fotos zu machen, während ich dieses Tagebuch schreibe. In der Lounge, in der ich sitze, steht ein Süßigkeitenautomat, der mich bald wahnsinnig macht. Als ich in die Lounge eintrat, dachte ich noch: "Oh, der Kühlermotor von dem Ding summt aber laut." Dann saß ich fünf Minuten. Und dann sprang der Kühlermotor erst an. Ich dachte, da hebt ein Kampfbomber ab. Irgendwann kam dann auch noch eine osteuropäische Dame vom Personal und entleerte klimpernd den Geldbehälter des Automaten. Fürchterlich.

Nachmittags wusch Katja unseren ersten Schwung Wäsche im Waschbecken. Auch das Waschbecken zeichnete sich gleich der Dusche durch eine Armatur mit eingebauter Benetzungsautomatik aus. Nun hängt unsere Wäsche auf der Leine und im Schrank zum Trocknen. Bis morgen früh, wenn wir wieder abreisen, sollte alles trocken sein. Schließlich haben wir einen Haufen Kohle in diese schnell trocknende Funktionswäsche gesteckt.

Ansonsten passierte absolut nichts. Wir warteten aufs Abendessen (Katja nahm das Hoki-Filet, ich den Truthahnbraten), danach sahen wir zu, wie die von einem Holländer trainierten Russen die Niederländer des Turniers verwiesen. Währenddessen begann es draußen zu regnen.

Morgen geht es nach Inverarnan, das sind etwa zehn Kilometer, nicht allzu viel, aber die Etappe soll eine der anstrengendsten der ganzen Strecke sein, und außerdem die gefährlichste, weil man teilweise hoch über dem Loch Lomond über Klippen klettern muss. Gerade, wenn es nass ist, soll das ziemlich rutschig und kein Spaß sein. Hoffentlich hört der Regen bald auf.

Freitag, 20. Juni 2008

Cashel–Inversnaid, 18 Kilometer

Katja konnte mir einen tollen Wetterbericht der letzten Nacht geben, da sie leider kein Auge hat zumachen können: Erst hatte es stark gewindet, dann später kam Regen dazu. Anschließend wurde das Wasser wieder vom Zelt heruntergepustet, und dann legte sich der Wind. Die erste Nacht im neuen Zelt war also leider ziemlich ernüchternd für sie. Nicht so für mich: Mein Schlaf war erholsam, meinen Muskeln ging es - nach einer kleinen Anlaufphase - hervorragend. Nur meine Achillessehne will einfach nicht besser werden. Aber das wird schon!

Zum sonnigen Frühstück (der heftige Wind hatte sich über Nacht ja bereits gelegt) gab es Müsli mit Milchpulver und eine Scheibe pappigen britischen Brotes mit Zitronengelee, das wir in Mollgäi beim B&B stibitzt hatten. Die Vögel hier sind sehr zutraulich, wie es Tierfreunde vermutlich nennen würden. Besser gesagt sind sie rotzfrech. Sie kommen bis auf einen halben Meter etwa herangehopst und gucken, ob sie was abstauben können. Bei uns allerdings können sie das nicht. Wir essen alles selber auf.

Nachdem wir Zelt, Schlafsäcke, Isomatten und alles andere Zeugs gerade in die Rucksäcke verpackt hatten, begann es aus heiterem Himmel heftig zu regnen. Und das, obwohl die Regenwahrscheinlichkeit für heute bei unter 50 Prozent lag. Vermutlich bedeutet das: "40 bis 50 % - heftige, aber nur kurze Schauer." Denn nach nur fünf Minuten war alles vorbei und die Sonne kam wieder heraus. Wir brachen auf. Kaum waren wir nur zehn Minuten unterwegs, meldete sich wieder meine Achillessehne zu Wort. Besonders hügelabwärts schmerzte sie sehr, aber auch in der Ebene, während hangaufwärts zu gehen kein Problem darstellte. Hangaufwärts störten nur die knapp 20 Kilo auf meinem Rücken.

Auf dem schmalen Pfad entlang des Loch Lomond trafen wir an einem Parkplatz zwei Arbeiter, die damit beschäftigt waren, den West Highland Way gartentechnisch in Schuss zu halten, sprich: Sie kappen die vielen Ranken am Pfadesrand. Mit ihnen kamen wir ins Gespräch. Als sie hörten, wir seien Deutsche, fragten sie uns, ob wir denn das "tolle Fußballspiel gestern" gesehen hätten. Nein, wieso? Deutschland habe Portugal spektakulär mit 3:2 besiegt, und dieser hässliche Blonde habe hervorragend gespielt, während Ballack "absolutely genious" gewesen sein soll. Wie bitte? Deutschland hat Portugal besiegt?? Unfassbar. Da vergaß ich glatt meine Achillessehne für ein paar Minuten. Endorphine tun halt doch ihre Wirkung. :-)

Schließlich, nach endlos scheinenden sechs oder sieben Kilometern, kamen wir in den Ort Rowardennan. Ort? Am Ortseingang: eine Ferienhaussiedlung, dann ein Hotel. Dann 500 Meter gar nichts, dann ein Parkplatz und eine offiziell wirkende Hütte, deren Sinn wir aber nicht zu ergründen gedachten. Vielleicht die lokale Vogelwarte? In einem Kilometer Entfernung sollte dann noch die Jugendherberge kommen, und das wäre es dann mit Rowardennan. Zunächst ließen wir uns aber auf dem Parkplatz direkt am Wasser auf einer Bank nieder. Die Straße endete hier, daher gab es auch keinen großen Autoverkehr. Auf der Parkbank analysierten wir meine Schmerzen in der Ferse und beschlossen, noch den Kilometer in die Herberge zu gehen und dann dort für eine oder zwei Nächte zu bleiben und meinem Fuß eine Pause zu gönnen. Zwar soll dort kein Frühstück serviert werden, dennoch hat das Etablissements gute Kritiken bekommen.

So hinkte ich denn Katja hinterher. In der Einfahrt zur Jugendherberge (hier führte eine andere Straße hin, während der West Highland Way immer schön am Ufer des Lochs bleibt) holzte eine Horde von für diese Tätigkeit unangemessen bekleideten Damen und Herren (die sahen alle aus, als hätte ein wildgewordener Polizist wahllos 20 Autos angehalten und die Insassen zu Fronarbeit verdonnert) den halben tropischen Regenwald ab, der sich in Form riesiger Rhododendren in der Einfahrt zur Herberge breit gemacht zu haben schien. Auf dem Parkplatz des Anwesens (nicht anders kann man die Jugendherberge nennen) standen die 20 Fahrzeuge, die der wildgewordene Polizist herausgewunken zu haben schien. "Die gehören doch hoffentlich zu den Arbeitern", sagte Katja, doch wir wurden enttäuscht. Ein Schild an der Rezeption sagte unmissverständlich, dass man "Full for Tonight" sei.

Was tun? Wir hatten uns doch für etwas Ruhe entschieden - ein paar Stunden keinen Stress für meine Ferse. Zurück nach Rowardennan? 1,5 Kilometer bis zum Hotel? Nein danke. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Dann lieber weiter. Wir konsultierten die Karte. Das nächste offizielle Etappenziel war das Hotel in Inversnaid - viel zu weit weg. Aber vorher sollte es noch einen ofiziell-wilden Zeltplatz und kurze Zeit später eine Lodge geben, die auf der Karte mit einem Bettensymbol versehen war, einige Kilometer vor Inversnaid dann auf dem unteren Weg (der Weg teilte sich 300 Meter nach der Lodge in einen Höhen- und einen alternativen Uferweg) noch eine Schutzhütte. Wir entschieden, zum Zeltplatz weiterzugehen. Meine Ferse rieben wir großzügig mit Mobilat ein, das einzige Mittel, das wir für solche Fälle mitgenommen hatten. Ich benutzte es schon seit zwei Tagen.

Bis zum Zeltplatz (und noch darüber hinaus) waren Massen an Leuten damit beschäftigt, Rhododendron zu vernichten. Soll der hier ausgerottet werden? Oder nimmt er einfach nur Überhand und wird einmal alle zehn Jahre zurückgeschnitten? Auf dem Zeltplatz rauchte es gewaltig; dort schien das ganze abgeschnittene Holz dann verbrannt zu werden. Also: Weiter zur Lodge. Immerhin war der West Highland Way hier ein gut ausgebauter, breiter Forstweg ohne große Steigungen oder Senken.

Der Weg dorthin muss für Katja eine Qual gewesen sein. Ständig hörte sie mein Jammern hinter sich: "Au!", "Geh nicht so schnell", "Ich brauch 'ne Pause" und so weiter und so fort. Doch sie nahm es mit großer Gelassenheit. Mir kreiste die ganze Zeit die Erinnerung an unsere 2006-er Weserwanderung von Hannoversch-Münden bis beinahe Hameln im Kopf herum: "Wieso immer ich, und wieso immer der rechte Fuß?" Damals hätte ich mir beinahe einen Ermüdungsbruch zugezogen.

Schließlich kamen wir über einen wunderschönen, Rhododendron-gesäumten Weg, der vom West Highland Way abbog, zur Lodge. Es handelte sich um ein hübsches, kleines Haus direkt am Ufer des Loch Lomonds, dahinter erstreckte sich eine frisch gemähte, grüne Wiese. Aber niemand war da. Was nun? Zurück zum Hotel in Rowardennan - mittlerweile fast drei Kilometer hinter uns, die wir noch einmal würden laufen müssen - oder lieber voran in Richtung Inversnaid auf dem unteren Weg, wo noch die Schutzhütte liegt?

Zunächst versuchten wir, telefonischen Kontakt zum Bunkhouse in Inversnaid herzustellen, um herauszufinden, ob es für uns noch einen Platz gab. Ein Bunkhouse ist eine Kategorie unter Jugendherbergen angesiedelt. Wir bekamen jedoch nur ein "Piep-Piep-Piep", dann brach die Verbindung ab. Mehrfach. Also versuchten wir es im Inversnaid Hotel. Mit dem gleichen, frustrierenden Ergebnis.

Ich schluckte Traumeel, ein Mittel gegen Entzündungen, das in Kombination mit dem allmählich wirkenden Mobilat ein kleines Wunder wirkte: Ein warmes Gefühl durchlief mich, dann konnte ich einigermaßen laufen. Jetzt allerdings machte sich - glücklicherweise nicht nur bei mir - die allgemeine Anstrengung bemerkbar, denn die Rucksäcke zogen uns ganz schön nach unten, denn wir mussten ganz schön nach hügelaufwärts krabbeln, um zur Abzweigung von Höhen- und Uferweg zu kommen. Oder hatten wir die Abzweigung schon verpasst? Doch zunächst trafen wir auf eine Schlange. Sie war etwa 30 cm lang, braun und wies keinerlei Zeichnung auf. Schlange oder Blindschleiche? Züngeln Blindschleichen mit gespaltener Zunge? Keine Ahnung.

Gerade als die Schlange den Abgang in die Büsche wagte, kamen drei mollige Damen den Hügel hinaufgeächzt. Eine davon identifizierte das Reptil als "Maybe a grass snake". Das wäre dann eine Ringelnatter. (Nach späteren Vergleichen bei Wikipedia glauben wir nun übrigens doch eher an eine Blindschleiche.)

Wir wanderten weiter und ließen die drei hinter uns pausieren. Stetig ging es hügelaufwärts. Längst hätten die 300 Meter nach der Lodge vorbei sein müssen, nach denen sich der Weg gabelt. Andererseits könnten wir aufgrund der Anstrengungen auch einfach ein ziemlich schlechtes Entfernungsgefühl haben. Zudem stand ich unter Drogen: Traumeel und Mobilat.

Wir tranken gerade einen Schluck Wasser, also uns die drei Damen wieder einholten. Sie waren definitiv fitter als ihr molliges Äußere Glauben machte. Wir fragten sie, ob auch sie heute nach inversnaid gingen. So kamen wir ins Gespräch, im Verlauf dessen ich mein Leid mit der Achillessehne (na, was heißt Achillessehne auf Englisch?) klagte, und dass wir nicht wüssten, ob wir in Inversnaid unterkommen können, da unser Telefon nur doof piepte. Eine der drei Ladies zog ihr Telefon heraus und rief kurzerhand und problemlos dort an. Sie buchte uns ein Zimmer und meldete, dass wir ungefähr gegen 18 Uhr dort ankommen würden.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die drei uns ganz gut verstanden haben. Aber wir verstanden wenig von dem, was die drei erzählten ... Doch eins war klar, denn die Frau mit dem Telefon war eine Einheimische, und sie sagte, dass wir lieber den Höhenweg gehen sollten, und *nicht* den Uferweg. Der Höhenweg sei und bleibe ein Forstweg mit nur leichten Steigungen und Gefällen. Der Uferweg hingegen sei heftiger. So entschieden wir uns denn für den Höhenweg. Doch auch ohne diesen Umschwung wären wir wohl auf dem Höhenweg geblieben, denn wir konnten die Abzweigung beim besten Willen auch später nicht finden.

Die Damen verabschiedeten sich, und wir zockelten hinterher. Nach einer halben Stunde hatten wir sie wieder, denn sie hatten es sich an einem Aussichtspunkt mit Parkbank gemütlich gemacht. Wir gingen, Traumeel-gedopt, weiter.

Schließlich, laut Karte 4,5 Kilometer vor Inversnaid, kam von links ein Trampelpfad herauf, und ich witzelte, dass das bestimmt der Uferweg sei, der hier wieder auf den Hauptweg stoße. Im Nachhinein war das so witzig nicht, denn der Pfad schien tatsächlich der großartig im Reiseführer beschriebene Uferweg gewesen zu sein.

Nun ging es auf einem schmalen Pfad weiter, nicht mehr auf dem guten Forstweg. Entsprechend langsamer wurden wir und entsprechend weniger wirkte das Traumeel. Der Pfad war ziemlich anstrengend: über Stock und Stein, Fels und Bach, rauf und runter, immer entlang am Loch Lomond und (fast) immer im Wald. Sobald wir anhielten, fielen kleine Fliegen über uns her, wohl angezogen vom Schweißgeruch. Die "typische" Highland-Szenerie (Matsch, Moor, Felsen, Heide) hatten wir bisher nur am Conic Hill, und der markiert lediglich die Grenze zwischen High- und Lowland, gehört aber noch nicht wirklich dazu.

Plötzlich, irgendwo auf dem Weg, stank es erbärmlich. Und da waren sie: vier wilde Ziegen, riesige Viecher mit riesigen, gefährlich aussehenden Hörnern. Sie standen einfach oberhalb des Pfades und fraßen. Sie beäugten uns neugierig, ließen sich aber nicht stören und schienen auch nicht aggressiv zu sein. Im Reiseführer stand, dass man sie "mit etwas Glück" sehen könne, aber auf jeden Fall zuerst riechen würde. So war es in der Tat.

Unser beider Füße taten mittlerweile höllisch weh. Meine Achillessehnenschmerzen waren von den Fußsohlenschmerzen verdrängt worden. "Wann kommt denn endlich Inversnaid?" war alles, was wir noch denken konnten. Es fing an zu regnen, aber das war uns egal, da hinter der nächsten Kurve doch bestimmt Inversnaid liegen würde. Doch hinter der nächsten Kurve kam nur noch eine weitere Kurve. Noch nicht einmal den Wasserfall, der "kurz vor Inversnaid" zu finden sein solle, war erreicht. Was heißt eigentlich "kurz vor"? Ein Kilometer? Zwei?

Der Regen hörte auf, die Sonne kam heraus, der Regen setzte wieder ein. Kurve. Kurve.

"Ich glaub, da steht ein Haus", hörte ich Katja von vorne sagen. Mir reichte die Kraft nicht, um zu jubeln. Der Wasserfall war übrigens nicht "kurz vor" Inversnaid, sondern "direkt an" Inversnaid. Er markiert sozusagen die Grenze von ziegenbewohnter Wildnis zu satellitenfernsehender Zivilisation.

Wanderer haben einen eigenen Eingang zum Hotel, was verschiedentlich als Diskriminierung verstanden wird. Ich empfand es als Segen: Dieser Eingang liegt direkt am West Highland Way und erspart dem fußkranken Wanderer die komplette Umrundung des viktorianischen Gebäudes.

Wir buchten uns für zwei Nächte ein, denn nun brauchten wir beide eine ordentliche Regenerationsphase, und bekamen Zimmer 192. Das ist das Zimmer, das am weitesten weg und am höchsten hinaus war. Die Treppen und Fußböden waren schief und krumm, verzogen vom Alter und der immer währenden Feuchtigkeit Schottlands. Alles Interieur wirkte ein bisschen wie Erstausstattung: viktorianisch. Die Betten allerdings waren sehr bequem, und beim Fernseher handelte es sich um ein modernes LCD-Gerät von LG.

Nur das Wasser der Badewanne, auf die wir uns so gefreut hatten, wollte und wollte nicht heiß werden. Ich setzte den Manager davon in Kenntnis, und er versprach, sich darum zu kümmern, jedoch könne er nichts versprechen.

Das Abendessen war ein Dreigangmenü. Vorweg gab es eine geschmacklich hervorragende Sellerie-Crème-Suppe, in der der Pürierstab jedoch gut und gern noch etwas hätte tanzen dürfen. Katjas vegetarische Quiche sah gut aus und war lecker, ebenso wie meine Lammkeule mit Minzsoße. Was allerdings an der Soße minzig gewesen sein soll, weiß der Koch alleine. Vielleicht ist "mint" ein Synonym zu "brown" oder "warm"? Sehenswert war die Beilagenplatte zu meinem Gericht: Alleine von diesen Beilagen wären wir zwei satt geworden. 300 g Erbsen, 300 g Möhren, 500 g Kartoffeln (alles übrigens komplett ungesalzen - das ist hier so üblich). Zusätzlich lag meinem Lamm noch so eine Art würziger Pommes und Katjas Quiche eine Menge Salat und Coleslaw bei (das ihr zu sahnig war).

Wir wurden beide pappsatt.

Als die osteuropäische Kellnerin uns "wenigstens eine Portion" Erdbeerkäsekuchen aufdrängte, war uns schon klar, dass wir den nicht würden schaffen können. Und als er dann da war, war uns klar, dass wir ihn nicht würden essen *wollen*: Er war ziemlich unansehnlich mit seinen Dosenerdbeeren. Geschmeckt hat er auch nicht.

Katja hatte zum Essen eine Limonade, und die war richtig, richtig lecker. Anscheinend hausgemacht. Und der Whisky im Glas ist zudem preiswert: 2,50 Pfund pro 2,5 cl, und außerdem gibt es eine große Auswahl an Malts. Die einfachen Panschwhiskys wie Johnny Walker oder Teacher's gibt es gar nicht erst, und auch die besseren Blends wie etwa Ballentines finden sich nicht auf der Karte. Doch auf Alkohol habe ich irgendwie keine Lust.

Im Fernsehen lief Fußball. Türkei gegen Kroatien. Das Spiel inklusive der dramatischen Verlängerung und dem noch dramatischeren Elfmeterschießen guckten wir uns noch an, dann gingen wir ins Bett. Ungewaschen, denn das heiße Wasser lief noch immer nicht.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Drymen-Cashel, 16 Kilometer

Am meisten schmerzte an diesem Morgen meine rechte Achillessehne. Sollte es gestern vielleicht doch ein wenig zu heftig gewesen sein? Mehr als 20 km gleich am ersten Tag war vielleicht doch ein bisschen zu heftig. Immerhin bewege ich insgesamt 105 Kilogramm an Masse durch die Gegend. Aber später, nach dem ersten kräftigen Regenguss, nach dem Anziehen des kompletten Regengeraffels, dem darauf beinahe folgenden Hitzschlag durch starke Sonneneinwirkung, nach etlichen Aufs und etlichen Abs, nach dem Auf- und dem Abstieg auf und vom Conic Hill sowie einem anschließenden Marsch von weiteren sechs Kilometern gab es nur wenige Quadratzentimeter meines Körpers, die nicht ebenso sehr schmerzten wie die Achillessehne. Die Fingernägel zum Beispiel taten nicht so doll weh. Auch Zahnschmerzen hatte ich nicht.

Katja ging es ebenso, aber ihr geschieht es wenigstens recht, denn sie wollte unbedingt auf den "nur" 350 Meter hohen Conic Hill, statt die bequemere Alternativroute zu gehen. Conic Hill ist nicht etwa konisch. Der Name stammt - etwas anders geschrieben - aus dem Gälischen und bedeutet in etwa "der Morastige". Das ist allerdings ein Merkmal, das nur auf den zweiten Blick offenbar wird. Hätte ich als Kelte das Recht gehabt, den Berg mit einem Namen zu belegen, so hätte ich ihn wohl eher "der Liebernichtmitvielgepäckzubesteigende" genannt. Denn er ist steil. Er ist sehr steil. Wir sind die weniger anstrengende Seite hochgestiegen, dafür hatten wir dann den Zonk beim Abstieg über unebene Stufen mit viel zu großer Schrittweite oder über felsiges Geröll.

Als wir endlich mit zitternden Knien unten im Ort Balmaha ankamen, hätten wir beinahe beide Lobpreisungen an den HERRN angestimmt. In Balmaha gab es ein Pub namens "Oak Tree Inn" (Motto: "Muddy Boots are Welcome"). Es war uns schon von einem Paar aus Leeds empfohlen worden, die in Drymen neben uns gefrühstückt hatten und die wir im Verlauf des Tages zweimal trafen. Hier versorgten wir uns für wenig Geld mit reichlich Sandwiches (die werden hier meistens mit Kartoffelchips gereicht - seltsame Sitte), dann ging es weiter ans Ufer des Loch Lomonds. Das Loch Lomond (Loch spricht sich übrigens *nicht* "Lok", sondern tatsächlich wie ein richtiges, deutsches "Loch") ist Schottlands größter See, und ein Loch kann fast alles sein, was mit Wasser zu tun hat: ein schmaler See, ein breiter See, ein runder See, ein Fjord, eine längliche Meeresbucht. Und wir liefen ab sofort an seinem Ufer entlang. Zunächst für vier Kilometer, wo der erste Campingplatz lag. Doch wir entschieden uns demokratisch in einer Urabstimmung dafür, zum nächsten Platz weiterzugehen, der nur zwei Kilometer entfernt war.

Hätten wir es mal gelassen.

Der West Highland Way hatte von nun an einige Überraschungen in Sachen plötzlicher Auf- und Abstiege in petto. Gleichzeitig wurde der Wind, der schon den ganzen Tag über heftig geweht hatte, immer stärker. Als wir schließlich nach nur 16 km Marsch (okay, über einen fiesen Berg rüber) am Campingplatz ankamen, waren wir beide ziemlich fertig. Wir bauten unser Zelt auf (laut Hersteller geht das auch bei starkem Wind mit nur einer Person, und was soll ich sagen: Es stimmt! Allerdings machten wir das dennoch zu zweit), verstauten die Sachen und begannen, Essen zu kochen.

Traditionell hätte es eine Dose Ravioli pro Person geben müssen, aber diese Tradition hat ein echt gewichtiges Problem. Statt also Konserven zu schleppen hatten wir vorab Convenience-Food gekauft, also diese Nudelgerichte in Tüten, die man in Wasser kippt und ein bisschen kocht. Die machen satt, schmecken besser als das Zeug aus den Bundeswehr-EPAs und sind verhältnismäßig klein und leicht. So gab es denn also Spiralnudeln in Bolognesesoße - und die haben fast geschmeckt wie meine geliebten Ravioli. Und sie sahen auch fast so aus.

Nach dem Essen und dem Abwasch ging es unter die heiße Dusche. Dieser Campingplatz hat richtig schöne, saubere Sanitäreinrichtungen, die nicht nur gut aussehen und funktional sind, sondern die auch noch gut riechen. Und sie sind Code-gesichert. Den Code gab es beim Einchecken.

Heute läuft Fußball: Deutschland gegen Portugal. Da Deutschland vermutlich eh keine Chance hat, sparen wir uns die zwei Meilen zum nächsten Pub. Statt dessen gehen wir lieber pennen. Vielleicht hilft das, der Muskelschmerzen Herr zu werden? Besonders schlimm sind momentan die Schultern wegen des Gewichts des Rucksacks. Und natürlich die Achillessehne.

Dienstag, 17. Juni 2008

Hannover–Milngavie

Morgens um halb acht bin ich von selber aufgewacht. Wer mich kennt, der weiß, wie unwahrscheinlich das ist. Aber im Urlaub ist es nun einmal ausgemachte Sache zwischen Katja und mir, dass ich vor ihr aufzustehen habe. Ausgemacht hat diese Sache übrigens Katja.

Die letzte Dusche, der letzte heimische Toilettengang, das letzte vernünftige Frühstück – ab jetzt 14 Tage in die Fremde. Katja duscht, während ich die letzten Einträge ins Blog mache. In zehn Minuten etwa müssen wir los. Ein letzter Blick in meine E-Mails. Ein Kunde hat mir einen Auftrag für morgen geschickt. Hä? Hatte ich den nicht informiert, dass ich gar nicht da bin? Kurzer Check: Doch, selbstverständlich habe ich ihn informiert. Vor fast zwei Wochen. Entsprechende Mail zurück. Sofort ruft der Kunde mit leichter Panik in der Stimme an. Doch dies ist einer der seltenen Fälle, in denen ich nun wirklich nichts mehr machen und auch wirklich nichts mehr mit Externen regeln kann – es tut mir ehrlich Leid. Wir müssen los und bekommen gerade noch so unsere Bahn. Mit Rucksäcken läuft man eben doch langsamer als sonst.

Am Flughafen bekommen wir jede Menge unangenehmer Überraschungen. Zunächst einmal müssen wir für unser normales Gepäck Transportgebühren zahlen. Bitte was? Das ist doch kein Billigflieger für 29 Euro hier! Unsere Flüge kosten über 400 Euro! Diese Transportgebühr war bei Opodo.de nicht zu erkennen, vermutlich super klein oder in irgendwelchen AGB versteckt. 18 Euro sollen wir nun pro Gepäckstück und Strecke bezahlen! Da wir einen Zwischenstopp in Manchester (Hinflug) und einen in Birmingham (Rückflug) haben werden macht das 18 Euro x 2 Rucksäcke x 4 Flüge = 144 Euro. Plus Kreditkartengebühr von sechs Euro! Das hat den Flug mal so eben fast 50 % teurer gemacht. Hätten wir das geahnt, hätten wir nicht im Internet gebucht, sondern in einem Reisebüro.

Fängt gut an, was? Es kommt aber noch besser: Unser Flug hatte auch noch eine Stunde Verspätung. Ob ich dafür eine Rechnung stelle? Eine Stunde kostet bei mir immerhin 65 Euro. Netto.

Zunächst haben wir unsere Rucksäcke als Sperrgut aufgegeben und unsere Messer und den (leeren) Benzinkocher einer freundlichen Bundespolizistin präsentieren müssen. Sie schnupperte an der leeren Fuelbottle, die natürlich noch immer nach Sprit riecht, und meinte, das davon wohl keine Flugzeuge explodieren würden. Die Bottle war freigegeben.

Als wir durch die Zollkontrolle gingen, sah eine der jüngeren Zöllnerinnen den Wanderführer zum West Highland Way. "Wollt ihr da lang wandern?", fragte sie. Sie wolle den Weg im nächsten Jahr gehen; in diesem Jahr sei Nordschweden an der Reihe.

Unseren Anschlussflug in Manchester haben wir trotz der einstündigen Verspätung locker gekriegt, denn wir hatten in Manchester auch regulär einen Aufenthalt von drei Stunden. Irgendwie haben wir die dann auch rumgekriegt. Mit viel Langeweile. Denn selbst der Flughafen im irischen Shannon hatte in seinem World Famous Duty Free Shop Airport Parlour ein großzügigeres Angebot an Dingen zu bestaunen.

Der Flug von Hannover nach Manchester in einem zweistrahligen Jet und der von Manchester nach Glasgow in einer Turboprop lief ruhig ab, obwohl der Wind ganz schön bockig wehte. In Glasgow regnete es. Wir bekamen unsere als Sperrgut aufgegebenen Rucksäcke auf dem normalen Förderband zurück, und alle daran festgeschnallten Ausrüstungsgegenstände waren auch noch dran.

Eine freundliche Schottin namens Sarah verkaufte uns Bustickets zur Central Station und lehrte uns die korrekte Aussprache unseres heutigen Zielortes, dem Ausgangspunkt des West Highland Ways: Mollgäi. Geschrieben wird Mollgäi übrigens logischerweise Milngavie. Außerdem wies sie uns den Weg dorthin. Und der freundliche Busfahrer der Linie 500 donnerte mit seinem Wireless-LAN-bestückten Bus derart über die Straßen der Schottenmetropole, dass wir binnen kürzester Zeit in strömendem Regen vor dem Bahnhof standen. Auch dort trafen wir überall hilfsbereite Menschen, die uns den Weg durch das verzwickte Netz der Bahnsteige wiesen.

Willkommen im Land der lustig piependen Vorstadtzüge, die während der Fahrt Büsche streifen!

Mollgäi, äh, Milngavie ist ein kleiner Ort. Außer einem Bahnhof, einer Säule, die den Beginn des West Highland Ways markiert, einer kleinen Fußgängerzone und dem obligatorischen Glofplatz pro 1000 Einwohner gibt es hier nicht viel zu sehen. Das Bed & Breakfast, das ich telefonisch von Manchester aus gebucht hatte, ist ein sauberes, schickes Häuschen, das zwar keinen Familienanschluss, dafür aber ein ausgesprochen umfangreiches Frühstücksbüffet bietet. Ein wirklich umfangreiches Büfett.

Nach dem Bezug unseres Zimmers sind wir erst einmal in den Ort gegangen, genauer ins Cross Keys, eine niedliche Taverne, in der wir Fish & Chips aßen, ein Lager bzw. ein Wasser tranken, die beiden EM-Spiele Italien-Frankreich und Rumänien-Niederlande sehen konnten und trotzdem nur 11,40 Pfund (zzgl. Trinkgeld) zu bezahlen hatten. Ein Pfund sind ca. 1,26 Euro. Fairer Preis.

Als klar war, dass die doofen Italiener gewinnen würden, sind wir gegangen und haben uns den Ort angesehen. Ganz süß, aber alles andere als aufregend. Wir suchten nach einer Tankstelle, um morgen früh unsere Fuelbottle aufzutanken, damit wir eigenständig kochen können. Nachdem wir eine gefunden hatten, sind wir ins B&B zurück. Die Heizung, die unsere Wirtin Cathy wohlmeinend voll aufgedreht hatte, haben wir ganz schnell wieder abgedreht.

Samstag, 14. Juni 2008

Wetter!

Heute früh bekam ich eine Mobiltelefontextnachricht von meinem Kumpel Gerrit. Sie bestand nur aus einer Frage: "Wandern bei dem Wetter?" Das bezieht sich offenbar auf den Wetterbericht für unsere Wanderroute von Glasgow nach Fort William. Meine Antwort fiel kurz aus, aber nur, weil ich diese Mobiltelefontextnachrichterei hasse wie einen nassen Schlafsack: "Ja klar!"

Und so sieht der Wetterbericht für die nächsten Tage aktuell aus:



Auf der Homepage unseres Wanderziels Fort William findet sich im Bereich "Weather" eine wunderbare Formulierung, die ich hier zitieren möchte: "A stunning red sunset at any time of year is often replaced by a gray, wet morning, and this in turn can quickly burst into a bright, clear, sunny day with a clarity sometimes beyond belief. After heavy rainfall, rainbows arch across mountainous skylines and lochs lay at peace in reflective mood." Diese Erfahrung haben Béla und ich schon während unserer Irland-Wanderung 2001 gemacht. Dort hatten wir pro Tag drei Jahreszeiten (der Winter fiel glücklicherweise aus).

An dieser Stelle möge noch Erwähnung finden, dass Fort William als der niederschlagreichste Ort der britischen Inseln gilt: Um die 1900 Millimeter fallen dort im Laufe eines Jahres. Zum Vergleich: Hamburg, das ebenfalls nicht gerade einen trockenen Ruf hat, bekommt im gleichen Zeitraum nur rund 770 mm Niederschlag, Hannover sogar nur 660 mm. Wir machen uns also auf viel Wasser gefasst. Entsprechend haben wir unsere Ausrüstung auch ergänzt: Zum Beispiel habe ich mir neulich, als S.F.U. sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert und daher satte 25 % Rabatt gewährt hat, eine leichte Haglöfs-Regenjacke ausgesucht, die ich mir ohne den Rabatt nicht hätte leisten mögen, natürlich mit Goretex-Membran, Unterarmbelüftung, wasserdichten Reißverschlüssen und ähnlichem mehr. Auch unser neues Zelt soll über selbstabdichtende Hightech-Nähte verfügen, in denen der verwendete Hightech-Faden aufquelle und so die Nahtstellen verschließe. Aha, ein schlichter Baumwollfaden also. :-)

Wir glauben, gut für das Wetter ausgestattet zu sein. Nass werden wir trotzdem werden. Und wir werden das Wetter verfluchen. Aber wenn es soweit ist, dass wir fluchen, dann werden wir uns des Hitzschlagsommers 2003 erinnern, in dem wir uns bemüht haben, in der Normandie zu wandern. Nein, Gerrit, glaub mir: Gegen Kälte kann man sich schützen. Gegen Regen kann man sich schützen. Gegen Hitze aber gibt es keinen Schutz.

Sonntag, 4. Mai 2008

Endlich Anpaddeln!


Wie ich ja schon mal erwähnt habe, konnte Katja zum offiziellen Termin anpaddeln, während ich in einer Konferenz rumhängen musste. Heute aber konnte dann auch endlich ich mal raus nach Wilkenburg. Katja kam bei schönstem Kaiserwetter natürlich mit. Dort haben wir uns dann unsere Boote geschnappt und sind leineaufwärts gepaddelt; die Strömung war mäßig, so ging es denn auch ganz gut. Gepaddelt sind wir etwa bis Grasdorf (genauer: bis zur zweiten Brücke vom Bootshaus aus gesehen, das sind wohl so gut drei Kilometer). Von da aus haben wir uns gemächlich zurück treiben lassen.


Als wir wieder am Paddelklub anlegten, saßen dort noch fünf, sechs andere Klubmitglieder, während in Juttas Gastwirtschaft der Hammer kreiste und die Leute um Kaffee und Kuchen anstanden. Auch wir versorgten uns dort – Katja kaufte sich einen leckeren Kirschkuchen, während ich es lieber handfest mit Schnitzel und Kartoffelsalat hielt. Unterdessen probierte Frank den neuen, nur 14 Kilo schweren Alu/Stoff-Kanadier von Michael aus. Der Sitz ist bei diesem Modell leicht nach hinten verschoben, sodass der Bug vorne deutlich herausragt. Eigentlich muss wohl auch vorne ein bisschen Gewicht rein, aber zum Ausprobieren reichte es auch so.


Die ganze Woche soll nun ziemlich toll werden – ich denke, dass ich am Mittwoch auch wieder rausfahren werde und – während Katja nebenan in Wilkenburg reitet – ein bisschen mein Boot bewege. Oder Katjas :-)

Dienstag, 15. April 2008

Mistwetter

Eigentlich mag ich es, wenn es nieselt und ich draußen unterwegs bin. Der leichte Regen, gegen den man sich gut mit einem simplen und preiswerten Cape schützen kann, kühlt die Haut und wäscht die Luft; die Schleimhäute werden befeuchtet und somit die klimaanlagengeschädigte Nase entstresst. Der Duft des Waldes wird intensiver, satter, die Geräusche anders. Die Natur mag Nieselregen wohl so sehr wie ich. Aber das, was sich in den letzten Tagen draußen abspielt, spottet jeder Beschreibung. Was für ein Wetter ist *das* denn? Kann es sich mal auf Regen oder nicht Regen einigen? Mal hü, mal hott, gerade scheint in Hannover die Sonne. Nachher gallert es wieder wie aus Kübeln, wetten? Andererseits haben wir endlich mal wieder echtes Aprilwetter. Also beschwere ich mich mal nicht. Aber ich bleibe trotzdem lieber drinnen.