Schön war es, mal etwas länger zu schlafen! Dafür war mein Frühstück leider nicht so dolle: Das schöne schottische Frühstück schwamm in einer fettigen Wasserlache. Die kalten Toasts hingegen waren wie immer in Ordnung. Als wir vom Frühstück dann zum Zimmer zurückgingen, sahen wir, dass der Regen in den Pfützen Blasen schlug. Darum zogen wir die Rucksackkondome auf, beluden und mit dem Gepäck und checkten aus. Draußen angekommen nieselte es nicht einmal mehr.
Gemütlich latschten wir durch die Fußgängerzone und betraten die Toursitinformation, auf der generellen Suche nach nicht Bestimmtem, jedoch mit der Idee im Hinterkopf, dass man ja – vielleicht im nächsten Jahr? – den Great Glen Way gehen könnte, der hier in Fort William startet und nach Inverness geht. Vor allem aber schauten wir nach Infos zur Insel Skye, denn dort wollten wir ja hin, und zwar nach Möglichkeit mit der Dampflok "The Jacobite", die auch in den Harry-Potter-Filmen digital verändert als "Hogward's Express" für Furore gesorgt hat. Als wir schließlich ohne Karten wieder auf die Straße traten, war da ein ganz süßer Hund mit einem pinkfarbenen Spielzeugring im Maul, mit dem wir unbedingt noch ein paar Minuten spielen und mit seinem Herrchen reden mussten ("If I got as much attention from the ladies as he, I could write a book about it"). Anschließend liefen wir ohne Eile, dafür mit besabberten Fingern in Richtung Bahnhof.
"Sag mal, ist das die Dampflok da hinten, da wo's so raucht?"
"Könnte sein. Die heizen aber bestimmt erst ein. Das braucht immer so lange."
Als wir die Bahnhofshalle von Fort William betraten, verließ "The Jacobite" gerade die Station. Kein Witz. Der nächste Dampfexpress, so erzählte uns die freundliche Wendy hinter dem Schalter, führe dann in 23 Stunden und 59 Minuten. Der nächste normale Zug nach Mallaig ginge um etwa 12:40 Uhr oder so – wir hatten es jetzt kurz nach 10. Also checkten wir erst einmal, ob und wann Busse nach Skye fuhren. Der nächste Bus sollte um 13:40 Uhr fahren, also noch einmal später. Aber wir rechneten mal kurz die beiden Optionen durch:
Der Bus geht direkt nach Portree, mit einer Wartezeit von etwa vier Stunden.
Eine Zugfahrt nach Mallaig bringt nur drei Stunden Warterei mit sich, dort allerdings muss man in die Fähre umsteigen (ungewisse Abfahrtzeiten) und auf Skye angekommen müsste man dann ebenfalls mit einem Bus weiter nach Portree.
Wir entschieden uns dafür, von Anfang an den Bus zu nehmen und setzten uns ins Café des Morrison's-Supermarkts direkt am Busbahnhof. Katja kaufte sich eine britische "InStyle"-Zeitschrift, die mit einer modischen Handtasche der Marke "Elizabeth Hurley" kam. Hätte sie die Cosmopolitan erworben, wären Flipflops dabei gewesen. Ich schrieb währenddessen wieder Tagebuch. Eine Arbeit, vor der sich Katja drückt, wohl, weil sie beruflich so viel zu schreiben hat, was?
Schließlich zogen wir aus lauter Langeweile los und erkundeten den Supermarkt, der die Größe eines kleinen Real-Marktes hatte. Unsere Rucksäcke konnten wir in riesige Schließfächer einschließen, die eigentlich für die vollen Warenkörbe gedacht sind. Da kann Mami also den Einkauf sicher aufbewahren und sich danach ins Café setzen. Schlaue Sache!
Im Endeffekt kauften wir uns ein paar Sandwiches, Kekse und Irn-Bru, den etwas anderen schottischen Nationalsoftdrink, ein knallorangenes Gebräu, das einem laut Reiseführer "beinahe den Schmelz von den Zähnen fräst". Tut es übrigens wirklich beinahe.
Als wir mit Sack und Pack in den wieder heftig eingesetzten Regen hinaustraten, war der Bus schon da. Unser Gepäck verschwand im Kofferraum, wir im Businnern. 22,50 Pfund pro Person von Fort William nach Portree auf Skye. Langsam wird unser Bargeld knapper – wir haben nur noch 150 Pfund.
Die Fahrt mit dem Bus war lang und zog sich. Wegen des wirklich fiesen Wetters hatten wir nur wenig schöne Aussichten, und wegen der Fahrweise des Fahrers vermissten wir auch die Fährfahrt von Mallaig nach Skye nicht – seekrank konnte man auch hier werden. Höhepunkt der Schaukelei war ein 15-Sekunden-Blick auf Eilean Donan Castle in Dornie, wo ein paar Szenen für den Film "Highlander" gedreht worden waren und das zugegebenermaßen wirklich pittoresk ist.
Kurz darauf fuhren wir über die vielleicht 500 Meter lange Brücke, die die kleine Insel Skye mit dem britischen "Festland" verbindet. Dann ging es weiter, meilenweit durch langweilige Regengüsse, die Skye in ödes Einerlei verwandelten. Tristesse heißt Skye. Was reden nur immer alle von den Wundern der Schönheit Skyes?
Endlich in Portree angekommen wandten wir uns schleunigst – es war schon reichlich spät – an das Toursitbüro, um eine zentrumsnahe Unterkunft zu bekommen. Bei einer Einwohnerschaft von 1.900 ist allerdings eigentlich alles zentrumsnah. Problematisch schien zu sein, dass wir uns für drei Nächte festsetzen wollten. Wendy hinter dem Tresen (heißen die Damen hinter einem Schalter alle Wendy?) telefonierte einige Unterkünfte ab und fand schließlich eine für uns, die allerdings "etwas auswärts" läge, ob wir damit einverstanden seien? Wir überlegten hin und her. Etwas außerhalb? Ja, das seien nur etwa 15 Minuten – aber mit Gepäck... Sie sprach noch einmal mit dem Gentleman am anderen Ende der Leitung, dass uns das möglicherweise zu weit draußen sei, dann ging ein Strahlen über ihr Gesicht: "Really?" Sie wandte sich an uns: "Dieser Gentleman bietet an, Sie hier abzuholen." Das ist ja mal ein Ding! Wir willigten gerne ein.
Kurz darauf standen wir im Nieselregen und lernten Jeff kennen, der in seinem mintgrünen Renault Mégane angerollt kam. Katjas Rucksack als der kleinere von beiden wanderte in den Kofferraum, meiner auf den Rücksitz neben Katja. Und dann saß ich erstmals in einem Auto links vorne, ohne dass mich ein Steuerrad störte. Allerdings schien es mir sehr gefährlich, auf der linken Seite des Straße zu fahren und darauf zu spekulieren, dass das auch alle anderen tun.
Kurz darauf waren wir "etwas außerhalb". Ohne Gepäck wäre das wirklich ein 15-Minuten-Marsch geworden, mit Gepäck vielleicht 20 Minuten. Allerdings haben wir das Haus so viel besser gefunden. Im Haus lernten wir Jeffs Frau Anne kennen. Sie brachte uns durch die Lounge nach oben ins niedliche Dachgeschoss, das wir für uns alleine haben.
Weil ich erwähnt hatte, dass wir noch zum Essen in ein Pub gehen wollten, bot Jeff an, uns hinzubringen. So muss ein B&B sein – Familienanschluss!
Das Pub war ziemlich ungemütlich, das Essen dafür aber gut, wenn auch etwas teuer. 25 Pfund für ein Gulaschgericht, einen Ceasar's Salad und zwei Pint Cider. Morgen wieder? Eher nicht. Nach dem Essen gingen wir zurück zum B&B, statt im Pub zu bleiben und dort Fußball zu gucken. Die Lounge war voll – ein Pärchen mit französischem Akzent und ein Typ saßen da und guckten Tennis. Wir fragten, ob gleich auf Fußball umgeschaltet werde. "Jaja, na klar!" Wir zogen kurz die Regenklamotten in unserem Raum aus und gingen wieder runter. Das Paar war weg, und nur noch der Typ saß da. Fußball lief gleich an: Deutschland gegen die Türkei.
Es war das schlechteste Spiel, das ich seit Jahren gesehen habe.
Glücklicherweise fiel zwischendurch immer wieder das Bild aus, weil in Wien ein Gewitter tobte, das weltweit die Leitungen unterbrach. Während einer solchen Bildpause, in denen die BBC kurzerhand den Radiokommentar einkopelte, schoss Klose das erlösende 2:1. Nachher gewann Deutschland knapp und vollständig unverdient 3:2.
Katja duscht, ich schreibe. Gleich dusche ich und Katja muss lesen. :-)
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Mittwoch, 25. Juni 2008
Montag, 23. Juni 2008
Tyndrum-Bridge of Orchy, 10 Kilometer
Unser Tag begann mit dem Alarm, den ein anderer vor uns in den Radiowecker einprogrammiert hatte: laut und viel zu früh. Mein Bett stand an der Wand, und dort, aus der Spalte zwischen Wand und Bett, kam bei jeder Bewegung eine Wolke modrigen Geruchs emporgestiegen. Wohl ein Tribut an die zimmereigene Dusche und fehlende ausreichende Belüftung. So musste ich, um dem Muff zu entgehen, die ganze Nacht auf der rechten Seite schlafen, dem Fenster zugewandt.
Das Frühstück im Dalkell Cottage Guest House, wie das B&B offiziell heißt, offerierte uns die Dame des Hauses mit dem Satz "Hi, I am Angela, your waitress for this morning." Es gab leckeres Rühr- und Spiegelei, Pilze, Tomaten und Bohnen. Und natürlich den obligatorischen kalten Toast mit Orangenmarmelade. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, könnte man sich glatt daran gewöhnen!
Gemeinsam mit uns frühstückte eine Gruppe von sechs Männern mittleren Alters, die knapp vor uns aufbrachen. Wir, gewitzt wie wir nun einmal sind, nahmen eine Abkürzung und kamen zeitgleich mit dem Sechsmanntrupp dort an, wo der West Highland Way Tyndrum verlässt - obwohl die Herren quasi ohne Gepäck reisten. Wir schafften es sogar für etwa einen Kilometer, vor ihnen zu bleiben, doch schließlich überholte und die erste Zweiergruppe, dann die nächste, und dann schnaufte auch schon der fünfte Herr heran. Dieser Herr trug die Masse zweier Geros mit sich herum. Das Schnaufen war daher verständlich. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und erfuhren so, dass die Sechs 20 Jahre lang bei Siemens zusammengearbeitet hatten. Jetzt arbeitete er bei VW, kannte zumindest Hannovers Flughafen und hat in Dresden in der VW-Manufaktur am Bentley gearbeitet.
Schließlich wanderte er weiter, um seine Gruppe einzuholen. Der sechste Mann überholte uns dann auch noch irgendwann (er war ein Nachzügler, weil er noch irgendwas eingekauft hatte). Durch das Gespräch hatten wir gar nicht mitbekommen, wie weit wir schon gelaufen waren, und als wir schauten, hatten wir die halbe Strecke schon rum.
Unser Weg führte uns das erste Mal weiträumig durch das, was wir Mitteleuropäer uns reflexartig als Landschaftsform denken, wenn wir das Wort "Highlands" hören: Berge, grüne Hänge, Schafe, Felsen, Heidekraut, Wasser, Wasser, Sumpf, Wasser. Und plötzlich stehen wir mitten in Bridge of Orchy, unserem Tagesziel. Der Ort beginnt mit einer Bahnstation; direkt angegliedert liegt ein Bunkhouse, dann kommt eine Wellblechhütte (!) mit einem "Post Office"-Schild dran, dann eine verlassene Schule, zwei Wohnhäuser, eine Feuerwache, ein Gemeindesaal, zwei weitere Wohnhäuser, dann das wunderschöne, weiße "Bridge of Orchy"-Hotel. An dieses Hotel angeschlossen ist ein weiteres Bunkhouse. Ein Bunkhouse ist eine Art Jugendherberge der simpelsten Art, oft ohne Verköstigung und ohne Kochgelegenheit, manchmal sogar ohne größere sanitäre Anlagen.
Ich hatte gestern während der Langeweile im Pub von Tyndrum hier angerufen und im Voraus zwei "Bunks", also Kojen, gebucht und per Kreditkarte bezahlt. Wir hatten gedacht, dass wir schön langsam laufen, unseren Füßen ein bisschen Ruhe gönnen und irgendwann am Nachmittag hier eintreffen. Doch es war erst 11 Uhr morgens. Und das Einchecken ins Bunkhouse war aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen erst ab 15 Uhr möglich. Und das hieß: Zeit totschlagen.
Da zum Bunkhouse ein Hotel gehört und zu jedem anständigen Hotel eine Bar hockten wir uns also in die Bar mit Blick auf die Straße und ließen uns von einem hübschen Mädel bedienen, die anscheinend als einzige Schottin einen Kursus in "Wie bediene ich meine Gäste höflich und zuvorkommend?" erfolgreich absolviert hatte. Wir tranken Tee und ließen uns das Lunch-Menü zeigen. Gerade als wir uns Sandwiches bestellen wollten, sagte Katja: "Da sind ja die zwei!" Und richtig: Steve und Chris standen draußen im Sonnenregenschein. Wir winkten sie herein und nahmen unser Lunch gemeinsam. Katja bestellte sich ein Bacon-Lettuce-Tomato-Sandwich (BLT! Katja!), während ich, Gourmet der ich bin, ein Sandwich mit Hähnchen und Zitronenmayo genoss. Das waren definitiv die besten Sandwiches, die wir hier bisher hatten.
Chris hatte sich eine ebenfalls lecker aussehende Gemüselasagne mit einer Extraportion Pommes bestellt. Jetzt muss ich ein paar Worte zu Pommes frîtes und ähnlichen Kartoffelprodukten verlieren.
Es gibt drei Sorten frittierter Kartoffeln, von denen hierzulande zwei Typen ständig gegessen werden. Da wären zum einen die Crisps. Crisps sind Kartoffelchips. Man isst sie aber nicht bloß vor dem Fernseher zu Bier und schlechten Fußballspielen, sondern grundsätzlich auch zum Sandwich. Das amerikanische Wort für Pommes, nämlich "Fries" (kurz für "French fries") hat sich für sehr lange, sehr dünne, sehr knusprige Pommes frîtes eingebürgert. Man bekommt diese Form der Fritten in Schottland jedoch eigentlich nur bei Burger King oder dem (zumindest vom Namen her) reimportierten McDonald's. Doch haben sich diese amerikanischen Riesen im dünn besiedelten Schottland gottlob noch nicht gegen die lokalen Pubs durchsetzen können. Im Pub gibt es dann auch die britischste Form der Kartoffel, und die heißt "Chips". Diese Kartoffelabschnitte sind mindestens so dick wie ein kleiner Finger, selten richtig knusprig, meistens sehr blass und werden aus normalen Haushaltskartoffeln geschnitzt. Gegessen werden diese Chips meist mit Salz und Essig. Gegessen werden sie grundsätzlich zu allem, auch zu mit getrüffeltem Fasan gefüllten Brustfilets von der Wachtel auf Zucchinijulienne an Preiselbeervinaigrette, soweit ich das einschätzen kann. Auf jeden Fall aber auch zu Gemüselasagne.
Die Chips, die Chris zu ihrer Lasagne hatte, konnten schon gar nicht mehr "Chips" genannt werden. Die Dinger waren eher "Chunks". Aber sie waren augenscheinlich lecker, denn obwohl Chris große Augen machte und irgendwas von "das schaff ich nie" murmelte, verschwanden die Dinger eben doch alle. Steve hatte derweil seine eigenen Chips, zusammen mit "battered Haddock". "Battered" ist in diesem Fall mal nicht im Zusammenhang mit "bruised and battered" zu verstehen, obwohl der arme Haddock - zu deutsch Schellfisch - durchaus übel zugerichtet aussehen kann, sondern "battered" bedeutet "in Bierteig frittiert".
Gleich nach dem Lunch gingen die zwei weiter; sie wollten weiter über den als anstrengend gekennzeichneten Hügel hinter dem Fluss Orchy und auf der anderen Seite ins Hotel von Inveroran gehen. Wir verabredeten uns für den Abend des nächsten Tages auf dem Zeltplatz am King's House Hotel zum Campen.
Mittlerweile klagte auch Katja über ihre Achillessehne, allerdings die linke. Unser Mobilat hatte bei mir nicht richtig geholfen, und ich ärgerte mich, dass wir unser tiefenwirksame Hitzepräparat Finalgon zu Hause hatten liegen lassen. So entschieden wir uns, das finanzielle Wagnis einzugehen und unsere beiden Rucksäcke von Bridge of Orchy zum King's House Hotel mit dem Gepäckdienst Travel-Lite vorauszuschicken und ebenfalls nur mit leichtem Gepäck zu gehen (bei meinem Rucksack lässt sich der Deckel abnehmen und als Umhängetasche verwenden). So wollten wir unsere Füße um 15 Kilo entlasten.
Endlich wurde es 15 Uhr und wir konnten ins Bunkhouse einchecken. Und siehe, was lag da in der Vitrine des Check-in-Schalter? Wanderwichtiges Zeugs! Mückennetze, Compeed-Blasenpflaster und – "Deep Heat"-Hitzesalbe. Funktioniert das so wie unser Finalgon? Gekauft! Die Tube kostete drei Pfund, was in Ordnung ging. Außerdem reservierten wir noch für den Abend einen Tisch im Restaurant und hingen draußen ein bisschen ab.
Über die Midges, diese fiesen Viecher, hatten wir mittlerweile einiges in Erfahrung bringen können: Sie mögen Windstille und bedeckten Himmel, auch ein bisschen Regen schreckt sie nicht, aber beim kleinsten Windhauch sind sie verschwunden und mögen auch die Sonne nicht sonderlich. Darum blieben wir von ihnen verschont - die Sonne schien und wir saßen auf einer Parkbank am Fluss Orchy. Im Schatten tanzten die Biester und warteten darauf, dass die Sonne wegging. Aber es wurde schneller Abend als wir gucken konnten. Wir gingen ins Restaurant. Katja bestellte sich die Gemüselasagne, die sie vorher schon bei Chris gesehen hatte. Ich selbst entschied mich für ein Prime Fillet mit Salatbeilage. "How do you like it cooked, sir?" – "Äh, medium, please."
Das Steak kam und sah einfach fantastisch aus. Es war groß und dick, dampfte, war gebettet auf einer dunklen Pfeffersoße und von ein wenig Pfeffer bedeckt. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Dann machte ich den ersten Schnitt - und war entsetzt. Das Fleisch war beinahe komplett durchgebraten, bis auf den Kern, in dem noch ein rosa Schimmer zu erkennen war. Welche Enttäuschung! Wie kann man ein so tolles Stück Fleisch so schlecht grillen? Das kann man doch nicht mehr essen!
Gerade noch rechtzeitig vor meiner Beschwerde kam mir die Erkenntnis: Es war *mein* Fehler. Bei uns im Steakhaus bestellt man "englisch", medium" oder "durch". Im Land des Steaks aber gibt es nicht nur diese drei Stufen - es gibt ihrer acht. Richtig hätte ich "medium rare" bestellen müssen. Also zuckte ich die Schultern und biss ins für meinen Geschmack viel zu durchgebratene Fleisch.
Ich habe erst ein einziges Mal ein so gutes Steak gegessen wie im Bridge of Orchy Hotel, und das war an Bord eines Flugzeugs. Mit den Worten "It has been superb" schickte ich die Kellnerin in die Küche.
Anschließend tranken wir an der Bar noch je einen Whisky. Katja hatte einen mir völlig unbekannten Highland Malt namens Deanston, ich einen Speyside Malt, dessen Namen ich leider gleich wieder vergessen habe. Schließlich ließen wir uns nach einer Dusche von den Midges im Badezimmer des Bunkhouses zerstechen, schmierten die Hitzesalbe auf die Fersen und gingen ins Bett.
Das Frühstück im Dalkell Cottage Guest House, wie das B&B offiziell heißt, offerierte uns die Dame des Hauses mit dem Satz "Hi, I am Angela, your waitress for this morning." Es gab leckeres Rühr- und Spiegelei, Pilze, Tomaten und Bohnen. Und natürlich den obligatorischen kalten Toast mit Orangenmarmelade. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, könnte man sich glatt daran gewöhnen!
Gemeinsam mit uns frühstückte eine Gruppe von sechs Männern mittleren Alters, die knapp vor uns aufbrachen. Wir, gewitzt wie wir nun einmal sind, nahmen eine Abkürzung und kamen zeitgleich mit dem Sechsmanntrupp dort an, wo der West Highland Way Tyndrum verlässt - obwohl die Herren quasi ohne Gepäck reisten. Wir schafften es sogar für etwa einen Kilometer, vor ihnen zu bleiben, doch schließlich überholte und die erste Zweiergruppe, dann die nächste, und dann schnaufte auch schon der fünfte Herr heran. Dieser Herr trug die Masse zweier Geros mit sich herum. Das Schnaufen war daher verständlich. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und erfuhren so, dass die Sechs 20 Jahre lang bei Siemens zusammengearbeitet hatten. Jetzt arbeitete er bei VW, kannte zumindest Hannovers Flughafen und hat in Dresden in der VW-Manufaktur am Bentley gearbeitet.
Schließlich wanderte er weiter, um seine Gruppe einzuholen. Der sechste Mann überholte uns dann auch noch irgendwann (er war ein Nachzügler, weil er noch irgendwas eingekauft hatte). Durch das Gespräch hatten wir gar nicht mitbekommen, wie weit wir schon gelaufen waren, und als wir schauten, hatten wir die halbe Strecke schon rum.
Unser Weg führte uns das erste Mal weiträumig durch das, was wir Mitteleuropäer uns reflexartig als Landschaftsform denken, wenn wir das Wort "Highlands" hören: Berge, grüne Hänge, Schafe, Felsen, Heidekraut, Wasser, Wasser, Sumpf, Wasser. Und plötzlich stehen wir mitten in Bridge of Orchy, unserem Tagesziel. Der Ort beginnt mit einer Bahnstation; direkt angegliedert liegt ein Bunkhouse, dann kommt eine Wellblechhütte (!) mit einem "Post Office"-Schild dran, dann eine verlassene Schule, zwei Wohnhäuser, eine Feuerwache, ein Gemeindesaal, zwei weitere Wohnhäuser, dann das wunderschöne, weiße "Bridge of Orchy"-Hotel. An dieses Hotel angeschlossen ist ein weiteres Bunkhouse. Ein Bunkhouse ist eine Art Jugendherberge der simpelsten Art, oft ohne Verköstigung und ohne Kochgelegenheit, manchmal sogar ohne größere sanitäre Anlagen.
Ich hatte gestern während der Langeweile im Pub von Tyndrum hier angerufen und im Voraus zwei "Bunks", also Kojen, gebucht und per Kreditkarte bezahlt. Wir hatten gedacht, dass wir schön langsam laufen, unseren Füßen ein bisschen Ruhe gönnen und irgendwann am Nachmittag hier eintreffen. Doch es war erst 11 Uhr morgens. Und das Einchecken ins Bunkhouse war aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen erst ab 15 Uhr möglich. Und das hieß: Zeit totschlagen.
Da zum Bunkhouse ein Hotel gehört und zu jedem anständigen Hotel eine Bar hockten wir uns also in die Bar mit Blick auf die Straße und ließen uns von einem hübschen Mädel bedienen, die anscheinend als einzige Schottin einen Kursus in "Wie bediene ich meine Gäste höflich und zuvorkommend?" erfolgreich absolviert hatte. Wir tranken Tee und ließen uns das Lunch-Menü zeigen. Gerade als wir uns Sandwiches bestellen wollten, sagte Katja: "Da sind ja die zwei!" Und richtig: Steve und Chris standen draußen im Sonnenregenschein. Wir winkten sie herein und nahmen unser Lunch gemeinsam. Katja bestellte sich ein Bacon-Lettuce-Tomato-Sandwich (BLT! Katja!), während ich, Gourmet der ich bin, ein Sandwich mit Hähnchen und Zitronenmayo genoss. Das waren definitiv die besten Sandwiches, die wir hier bisher hatten.
Chris hatte sich eine ebenfalls lecker aussehende Gemüselasagne mit einer Extraportion Pommes bestellt. Jetzt muss ich ein paar Worte zu Pommes frîtes und ähnlichen Kartoffelprodukten verlieren.
Es gibt drei Sorten frittierter Kartoffeln, von denen hierzulande zwei Typen ständig gegessen werden. Da wären zum einen die Crisps. Crisps sind Kartoffelchips. Man isst sie aber nicht bloß vor dem Fernseher zu Bier und schlechten Fußballspielen, sondern grundsätzlich auch zum Sandwich. Das amerikanische Wort für Pommes, nämlich "Fries" (kurz für "French fries") hat sich für sehr lange, sehr dünne, sehr knusprige Pommes frîtes eingebürgert. Man bekommt diese Form der Fritten in Schottland jedoch eigentlich nur bei Burger King oder dem (zumindest vom Namen her) reimportierten McDonald's. Doch haben sich diese amerikanischen Riesen im dünn besiedelten Schottland gottlob noch nicht gegen die lokalen Pubs durchsetzen können. Im Pub gibt es dann auch die britischste Form der Kartoffel, und die heißt "Chips". Diese Kartoffelabschnitte sind mindestens so dick wie ein kleiner Finger, selten richtig knusprig, meistens sehr blass und werden aus normalen Haushaltskartoffeln geschnitzt. Gegessen werden diese Chips meist mit Salz und Essig. Gegessen werden sie grundsätzlich zu allem, auch zu mit getrüffeltem Fasan gefüllten Brustfilets von der Wachtel auf Zucchinijulienne an Preiselbeervinaigrette, soweit ich das einschätzen kann. Auf jeden Fall aber auch zu Gemüselasagne.
Die Chips, die Chris zu ihrer Lasagne hatte, konnten schon gar nicht mehr "Chips" genannt werden. Die Dinger waren eher "Chunks". Aber sie waren augenscheinlich lecker, denn obwohl Chris große Augen machte und irgendwas von "das schaff ich nie" murmelte, verschwanden die Dinger eben doch alle. Steve hatte derweil seine eigenen Chips, zusammen mit "battered Haddock". "Battered" ist in diesem Fall mal nicht im Zusammenhang mit "bruised and battered" zu verstehen, obwohl der arme Haddock - zu deutsch Schellfisch - durchaus übel zugerichtet aussehen kann, sondern "battered" bedeutet "in Bierteig frittiert".
Gleich nach dem Lunch gingen die zwei weiter; sie wollten weiter über den als anstrengend gekennzeichneten Hügel hinter dem Fluss Orchy und auf der anderen Seite ins Hotel von Inveroran gehen. Wir verabredeten uns für den Abend des nächsten Tages auf dem Zeltplatz am King's House Hotel zum Campen.
Mittlerweile klagte auch Katja über ihre Achillessehne, allerdings die linke. Unser Mobilat hatte bei mir nicht richtig geholfen, und ich ärgerte mich, dass wir unser tiefenwirksame Hitzepräparat Finalgon zu Hause hatten liegen lassen. So entschieden wir uns, das finanzielle Wagnis einzugehen und unsere beiden Rucksäcke von Bridge of Orchy zum King's House Hotel mit dem Gepäckdienst Travel-Lite vorauszuschicken und ebenfalls nur mit leichtem Gepäck zu gehen (bei meinem Rucksack lässt sich der Deckel abnehmen und als Umhängetasche verwenden). So wollten wir unsere Füße um 15 Kilo entlasten.
Endlich wurde es 15 Uhr und wir konnten ins Bunkhouse einchecken. Und siehe, was lag da in der Vitrine des Check-in-Schalter? Wanderwichtiges Zeugs! Mückennetze, Compeed-Blasenpflaster und – "Deep Heat"-Hitzesalbe. Funktioniert das so wie unser Finalgon? Gekauft! Die Tube kostete drei Pfund, was in Ordnung ging. Außerdem reservierten wir noch für den Abend einen Tisch im Restaurant und hingen draußen ein bisschen ab.
Über die Midges, diese fiesen Viecher, hatten wir mittlerweile einiges in Erfahrung bringen können: Sie mögen Windstille und bedeckten Himmel, auch ein bisschen Regen schreckt sie nicht, aber beim kleinsten Windhauch sind sie verschwunden und mögen auch die Sonne nicht sonderlich. Darum blieben wir von ihnen verschont - die Sonne schien und wir saßen auf einer Parkbank am Fluss Orchy. Im Schatten tanzten die Biester und warteten darauf, dass die Sonne wegging. Aber es wurde schneller Abend als wir gucken konnten. Wir gingen ins Restaurant. Katja bestellte sich die Gemüselasagne, die sie vorher schon bei Chris gesehen hatte. Ich selbst entschied mich für ein Prime Fillet mit Salatbeilage. "How do you like it cooked, sir?" – "Äh, medium, please."
Das Steak kam und sah einfach fantastisch aus. Es war groß und dick, dampfte, war gebettet auf einer dunklen Pfeffersoße und von ein wenig Pfeffer bedeckt. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Dann machte ich den ersten Schnitt - und war entsetzt. Das Fleisch war beinahe komplett durchgebraten, bis auf den Kern, in dem noch ein rosa Schimmer zu erkennen war. Welche Enttäuschung! Wie kann man ein so tolles Stück Fleisch so schlecht grillen? Das kann man doch nicht mehr essen!
Gerade noch rechtzeitig vor meiner Beschwerde kam mir die Erkenntnis: Es war *mein* Fehler. Bei uns im Steakhaus bestellt man "englisch", medium" oder "durch". Im Land des Steaks aber gibt es nicht nur diese drei Stufen - es gibt ihrer acht. Richtig hätte ich "medium rare" bestellen müssen. Also zuckte ich die Schultern und biss ins für meinen Geschmack viel zu durchgebratene Fleisch.
Ich habe erst ein einziges Mal ein so gutes Steak gegessen wie im Bridge of Orchy Hotel, und das war an Bord eines Flugzeugs. Mit den Worten "It has been superb" schickte ich die Kellnerin in die Küche.
Anschließend tranken wir an der Bar noch je einen Whisky. Katja hatte einen mir völlig unbekannten Highland Malt namens Deanston, ich einen Speyside Malt, dessen Namen ich leider gleich wieder vergessen habe. Schließlich ließen wir uns nach einer Dusche von den Midges im Badezimmer des Bunkhouses zerstechen, schmierten die Hitzesalbe auf die Fersen und gingen ins Bett.
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Sonntag, 22. Juni 2008
Inversnaid–Tyndrum, 0 km zu Fuß
Gegen Morgen schlief ich schlecht. Mein Bett stand zum offenen Fenster hin, und draußen rauschte es mächtig. Es regnete Katzen und Hunde, wie der Brite sagt. Immer wieder schlief ich ein, immer wieder wachte ich auf. Das Rauschen klang nach Weltuntergang.
Endlich standen wir auf und schauten uns das Drama an: Es regnete wirklich Bindfäden. Und ausgerechnet heute stand die schwierige und gefährliche Etappe nach Inverarnan an. Gefährlich besonders nach Regen.
Wir entschieden, beim Portier zu fragen, ob man irgendwie anders nach Inverarnan oder wenigstens nach Crianlarich kommt, den nächsten größeren Ort. Das Inversnaid Hotel liegt nämlich mehr oder weniger von der Zivilisation abgeschnitten, schwer zu erreichen am Ende der Seitenstraße eines Feldwegs. Es gibt keine Bus- oder Zugverbindung, keine Taxis, nicht einmal Privatautos, denn der Ort besteht eigentlich nur aus diesem Hotel, und das Personal ist zu 80 % osteuropäischer Herkunft mit Heimstatt im Hotel. Doch Andrej, der slowakische Portier, hatte sofort eine Lösung parat: Mit der Fähre über das Loch übersetzen, dann an die dort verlaufende Straße stellen und einfach den Bus rauswinken. So konnten wir beruhigt und angereichert mit Andrejs Sightseeingtipps frühstücken gehen.
Bei diesem Frühstück habe ich mich erstmals an Porridge gewagt. Schon die deutsche Bezeichnung "Haferschleim" klingt nicht sonderlich appetitlich. Was dann aber in meiner Schüssel dampfte, sah in der Tat noch widerlicher aus, als das Wort "Schleim" erahnen ließ. Trotzdem habe ich es probiert, erst zögerlich, dann jedoch überrascht: Porridge ist im Gegensatz zum ekelerregenden Äußeren komplett fad. Es schmeckt nach gar nichts, verbreitet aber eine angenehme Wärme im Mund. Auch das Taktile des Schleims war gar nicht sooo übel. Also habe ich ein bisschen Zucker reingerührt, und siehe da: lecker! (Später erfuhr ich, dass die Schotten normalerweise Salz reingeben.) Katja hat mit ziemlichen Ekel zugesehen, wie Löffel nach Löffel des körperwarmen Pamps in mir verschwand. Hätte ich ihr zusehen müssen, wäre vermutlich *mir* schlecht geworden. :-) Probieren wollte sie übrigens nicht.
Direkt im Anschluss an das Frühstück haben wir unsere Siebensachen gepackt und sind im mittlerweile nur noch leichten Regen vor das Hotel getreten. Verdutzt schauten wir nach dem Wasserfall. Gestern (ich habe noch einmal nachgeschlagen) beschrieb ich ihn als "milde rauschend", heute fände ich andere Adjektive dafür, "tobend" etwa, "schäumend" oder "reißend". Und sein Wasser war braun von mitgerissenem Torf und Erdreich. Was ein bisschen Regen über Nacht bewirken kann ...
Schließlich gingen wir runter an den Pier. Trotz des leichten Regens tauchten plötzlich riesige Schwärme klitzekleiner Fliegen, "Midges" genannt, auf, die sogleich begannen, uns und die nach uns zum Pier gezockelt gekommenen Senioren aufzufressen. Unfassbar: Da standen wir im Regen und hatten ein Insektenproblem. Die typische Handbewegung des Vormittags war ein wildes Wedeln vor dem Gesicht. Diese Midges haben etwa Fruchtfliegengröße, aber sie setzen sich auf jede freie Hautstelle und hinterlassen einen ziemlichen Juckreiz. Ausgesprochen unangenehm.
Schließlich kam die Fähre, ein überdachtes Boot mit 60 Mann Kapazität. Einer der Schiffer trug ein olivfarbenes Mückennetz über dem Kopf. Schlau. Echt schlau. Anscheinend sind die Eingeborenen hier vorbereitet auf Midges.
Beinahe hätten wir nicht mehr mit dem Boot mitgedurft, weil dr Kahn zu voll wurde. Dabei waren wir die ersten am Pier gewesen. Dennoch: Mit unseren Rucksäcken hätten wir vier Plätze eingenommen, und die Senioren hatten eindeutig Vorrang. Wir blieben also in Regen und Midgieschwarm draußen stehen, bis klar war, dass wir stehend mitgenommen werden würden. Die Rucksäcke allerdings mussten draußen bleiben und wurden auf das Bootsdach gelegt, nur gesichert durch eine niedrige Reling.
Das Loch war ruhig, Wind ging keiner. Dafür wurde der Regen wieder etwas stärker. Auf der anderen Seite des Lochs angekommen (das Übersetzen hat übrigens nichts gekostet) wies uns der Fährmann noch den Weg zur Straße. Wir sollten uns an ein blaues Tor am dort befindlichen Wasserkraftwerk stellen. Dort könnten wir den Bus am besten herauswinken, weil Platz zum Halten sei und der Busfahrer einen auch rechtzeitig sehen könne. Auf dem Weg dorthin fiel uns ein anderer Wanderer auf, der bereits am Straßenrand stand und offenbar auf den Bus wartete. Weil er aber dort ganz fürchterlich falsch war, nämlich in einer langgezogenen Kurve, in der weder er den Bus noch der Busfahrer ihn in seinem nassen, grün-braunen Outfit sehen würde und wo auch kein Platz zum Halten war, riefen wir ihn an und luden ihn ein, mit uns zu warten. Wir stellten uns unter die Äste eines Baumes nahe des blauen Tors am Kraftwerk.
Der nasse Knabe war ein 28-jähriger Amerikaner aus North Carolina (schon wieder so einer!), der derzeit in der Welt herumtingelt und sich sein Campingzeug von schottischen Freunden zusammengeliehen hatte. Leider war das Material wohl nicht so toll: Sein Zelt hatte der letzten Regennacht nicht standgehalten und sein Schlafsack war nass geworden, und so wollte er nach Crianlarich in die Herberge, um wieder zu trocknen. Wir unterhielten uns prima und trennten uns dann, als der Bus (den wir erfolgreich nach 40 Minuten Warterei im Regen herausgewunken hatten) in seinem Zielort hielt. Katja hatte mittlerweile demokratisch entschieden, noch einen Ort weiter zu fahren, nach Tyndrum.
Die etwa 30 km zwischen Inversnaid und Tyndrum, für die wir zu Fuß zwei Tage veranschlagt hatten, legten wir so in nur etwas mehr als einer Stunde zurück - und davon war die halbe Zeit für Warterei auf Fähre und Bus draufgegangen.
In Tyndrum angekommen steuerte Katja erst einmal die Touristinformation an, die nur ein paar Meter vom Busstop entfernt war. Dort ließen wir uns ein B&B buchen. Allerdings machte das erst um 16 Uhr auf, und es war gerade mal erst 11 Uhr. Na gut, es gab immerhin öffentliches Internet, das nicht zu teuer war, und wo ich meine erste Meldung aus Schottland ins Blog postete. Aber dann blieb nur noch der Weg zur Tankstelle, wo wir (A) Postkarten, (B) Briefmarken und (C) für 4,50 Pfund pro Stück Anti-Midgie-Netze für unsere Köpfe kauften. Danach blieb uns nur noch der Gang ins Pub, um die Postkarten zu schreiben und vor dem Regen geschützt die Zeit totzuschlagen.
Wir aßen die Gemüsesuppe des Tages und ertrugen den persönlichen Musikgeschmack der leitenden Bedienung (R&B der schlimmsten afroamerikanischen Sorte - derartige Musik schürt vermutlich Rassismus), bis endlich ein Schichtwechsel eintrat und sich jemand erbarmte, auf das Formel-1-Rennen umzuschalten. Das war zwar ebenso langweilig, aber der Sound war eindeutig besser. Wir konnten davon 27 Runden sehen (ich orderte unterdessen ein Panini, das ist ein getoastetes Baguette mit allerlei Belag), dann, zwei Runden vor Schluss und ein halbes Panini vor mir, kam plötzlich das Pärchen aus Leeds herein, das wir zuletzt in Balmaha vor dem Oak Tree Inn getroffen hatten. Endlich hatten wir nette Gesprächspartner am Tisch!
Der Nachmittag mit Steve und Chris, so hießen die beiden, wurde sehr lustig, und ich habe keine Ahnung, wer das Rennen gewann. Steve und ich, so entdeckten wir sehr schnell, haben gemeinsame Interessen: Geschichte, Politik und Single Malt Whisky. Entsprechend hatten wir viel zu erzählen, inklusive einiger Fachsimpelei über die an der Bar ordentlich aufgereihten Whiskyflaschen. Schließlich, viel später als 16 Uhr, verließen wir das Pub, um noch ins B&B einzuchecken. Die zwei anderen gingen noch etwas zu essen einkaufen, wir verabredeten uns aber für halb sieben zum Abendessen.
Wir waren absolut pünktlich - und das, obwohl wir keine Uhr dabei hatten. Steve und Chris saßen schon da - und hatten bereits gegessen. So aßen denn nur Katja und ich etwas, dann genossen wir noch einige kleine Gläschen edlen Malts. Chris und Katja kamen dabei ebenfalls nicht zu kurz. Die beiden gingen dennoch recht früh, weil sie vorher wenig Schlaf gekriegt hatten, und so gingen auch wir zu unserer Unterkunft, um zu duschen (die Dusche und das Waschbecken waren direkt im recht engen Zimmer untergebracht, wohingegen man sich die einzige Toilette mit vier oder fünf anderen Räumen teilen musste). Ich schrieb Tagebuch, danach schauten wir, ob Italien oder Spanien rausfliegt. Spanien kam weiter.
Ob wir Chris und Steve wiedertreffen? Jedenfalls haben wir E-Mail-Adressen ausgetauscht und wollen locker in Kontakt bleiben.
Endlich standen wir auf und schauten uns das Drama an: Es regnete wirklich Bindfäden. Und ausgerechnet heute stand die schwierige und gefährliche Etappe nach Inverarnan an. Gefährlich besonders nach Regen.
Wir entschieden, beim Portier zu fragen, ob man irgendwie anders nach Inverarnan oder wenigstens nach Crianlarich kommt, den nächsten größeren Ort. Das Inversnaid Hotel liegt nämlich mehr oder weniger von der Zivilisation abgeschnitten, schwer zu erreichen am Ende der Seitenstraße eines Feldwegs. Es gibt keine Bus- oder Zugverbindung, keine Taxis, nicht einmal Privatautos, denn der Ort besteht eigentlich nur aus diesem Hotel, und das Personal ist zu 80 % osteuropäischer Herkunft mit Heimstatt im Hotel. Doch Andrej, der slowakische Portier, hatte sofort eine Lösung parat: Mit der Fähre über das Loch übersetzen, dann an die dort verlaufende Straße stellen und einfach den Bus rauswinken. So konnten wir beruhigt und angereichert mit Andrejs Sightseeingtipps frühstücken gehen.
Bei diesem Frühstück habe ich mich erstmals an Porridge gewagt. Schon die deutsche Bezeichnung "Haferschleim" klingt nicht sonderlich appetitlich. Was dann aber in meiner Schüssel dampfte, sah in der Tat noch widerlicher aus, als das Wort "Schleim" erahnen ließ. Trotzdem habe ich es probiert, erst zögerlich, dann jedoch überrascht: Porridge ist im Gegensatz zum ekelerregenden Äußeren komplett fad. Es schmeckt nach gar nichts, verbreitet aber eine angenehme Wärme im Mund. Auch das Taktile des Schleims war gar nicht sooo übel. Also habe ich ein bisschen Zucker reingerührt, und siehe da: lecker! (Später erfuhr ich, dass die Schotten normalerweise Salz reingeben.) Katja hat mit ziemlichen Ekel zugesehen, wie Löffel nach Löffel des körperwarmen Pamps in mir verschwand. Hätte ich ihr zusehen müssen, wäre vermutlich *mir* schlecht geworden. :-) Probieren wollte sie übrigens nicht.
Direkt im Anschluss an das Frühstück haben wir unsere Siebensachen gepackt und sind im mittlerweile nur noch leichten Regen vor das Hotel getreten. Verdutzt schauten wir nach dem Wasserfall. Gestern (ich habe noch einmal nachgeschlagen) beschrieb ich ihn als "milde rauschend", heute fände ich andere Adjektive dafür, "tobend" etwa, "schäumend" oder "reißend". Und sein Wasser war braun von mitgerissenem Torf und Erdreich. Was ein bisschen Regen über Nacht bewirken kann ...
Schließlich gingen wir runter an den Pier. Trotz des leichten Regens tauchten plötzlich riesige Schwärme klitzekleiner Fliegen, "Midges" genannt, auf, die sogleich begannen, uns und die nach uns zum Pier gezockelt gekommenen Senioren aufzufressen. Unfassbar: Da standen wir im Regen und hatten ein Insektenproblem. Die typische Handbewegung des Vormittags war ein wildes Wedeln vor dem Gesicht. Diese Midges haben etwa Fruchtfliegengröße, aber sie setzen sich auf jede freie Hautstelle und hinterlassen einen ziemlichen Juckreiz. Ausgesprochen unangenehm.
Schließlich kam die Fähre, ein überdachtes Boot mit 60 Mann Kapazität. Einer der Schiffer trug ein olivfarbenes Mückennetz über dem Kopf. Schlau. Echt schlau. Anscheinend sind die Eingeborenen hier vorbereitet auf Midges.
Beinahe hätten wir nicht mehr mit dem Boot mitgedurft, weil dr Kahn zu voll wurde. Dabei waren wir die ersten am Pier gewesen. Dennoch: Mit unseren Rucksäcken hätten wir vier Plätze eingenommen, und die Senioren hatten eindeutig Vorrang. Wir blieben also in Regen und Midgieschwarm draußen stehen, bis klar war, dass wir stehend mitgenommen werden würden. Die Rucksäcke allerdings mussten draußen bleiben und wurden auf das Bootsdach gelegt, nur gesichert durch eine niedrige Reling.
Das Loch war ruhig, Wind ging keiner. Dafür wurde der Regen wieder etwas stärker. Auf der anderen Seite des Lochs angekommen (das Übersetzen hat übrigens nichts gekostet) wies uns der Fährmann noch den Weg zur Straße. Wir sollten uns an ein blaues Tor am dort befindlichen Wasserkraftwerk stellen. Dort könnten wir den Bus am besten herauswinken, weil Platz zum Halten sei und der Busfahrer einen auch rechtzeitig sehen könne. Auf dem Weg dorthin fiel uns ein anderer Wanderer auf, der bereits am Straßenrand stand und offenbar auf den Bus wartete. Weil er aber dort ganz fürchterlich falsch war, nämlich in einer langgezogenen Kurve, in der weder er den Bus noch der Busfahrer ihn in seinem nassen, grün-braunen Outfit sehen würde und wo auch kein Platz zum Halten war, riefen wir ihn an und luden ihn ein, mit uns zu warten. Wir stellten uns unter die Äste eines Baumes nahe des blauen Tors am Kraftwerk.
Der nasse Knabe war ein 28-jähriger Amerikaner aus North Carolina (schon wieder so einer!), der derzeit in der Welt herumtingelt und sich sein Campingzeug von schottischen Freunden zusammengeliehen hatte. Leider war das Material wohl nicht so toll: Sein Zelt hatte der letzten Regennacht nicht standgehalten und sein Schlafsack war nass geworden, und so wollte er nach Crianlarich in die Herberge, um wieder zu trocknen. Wir unterhielten uns prima und trennten uns dann, als der Bus (den wir erfolgreich nach 40 Minuten Warterei im Regen herausgewunken hatten) in seinem Zielort hielt. Katja hatte mittlerweile demokratisch entschieden, noch einen Ort weiter zu fahren, nach Tyndrum.
Die etwa 30 km zwischen Inversnaid und Tyndrum, für die wir zu Fuß zwei Tage veranschlagt hatten, legten wir so in nur etwas mehr als einer Stunde zurück - und davon war die halbe Zeit für Warterei auf Fähre und Bus draufgegangen.
In Tyndrum angekommen steuerte Katja erst einmal die Touristinformation an, die nur ein paar Meter vom Busstop entfernt war. Dort ließen wir uns ein B&B buchen. Allerdings machte das erst um 16 Uhr auf, und es war gerade mal erst 11 Uhr. Na gut, es gab immerhin öffentliches Internet, das nicht zu teuer war, und wo ich meine erste Meldung aus Schottland ins Blog postete. Aber dann blieb nur noch der Weg zur Tankstelle, wo wir (A) Postkarten, (B) Briefmarken und (C) für 4,50 Pfund pro Stück Anti-Midgie-Netze für unsere Köpfe kauften. Danach blieb uns nur noch der Gang ins Pub, um die Postkarten zu schreiben und vor dem Regen geschützt die Zeit totzuschlagen.
Wir aßen die Gemüsesuppe des Tages und ertrugen den persönlichen Musikgeschmack der leitenden Bedienung (R&B der schlimmsten afroamerikanischen Sorte - derartige Musik schürt vermutlich Rassismus), bis endlich ein Schichtwechsel eintrat und sich jemand erbarmte, auf das Formel-1-Rennen umzuschalten. Das war zwar ebenso langweilig, aber der Sound war eindeutig besser. Wir konnten davon 27 Runden sehen (ich orderte unterdessen ein Panini, das ist ein getoastetes Baguette mit allerlei Belag), dann, zwei Runden vor Schluss und ein halbes Panini vor mir, kam plötzlich das Pärchen aus Leeds herein, das wir zuletzt in Balmaha vor dem Oak Tree Inn getroffen hatten. Endlich hatten wir nette Gesprächspartner am Tisch!
Der Nachmittag mit Steve und Chris, so hießen die beiden, wurde sehr lustig, und ich habe keine Ahnung, wer das Rennen gewann. Steve und ich, so entdeckten wir sehr schnell, haben gemeinsame Interessen: Geschichte, Politik und Single Malt Whisky. Entsprechend hatten wir viel zu erzählen, inklusive einiger Fachsimpelei über die an der Bar ordentlich aufgereihten Whiskyflaschen. Schließlich, viel später als 16 Uhr, verließen wir das Pub, um noch ins B&B einzuchecken. Die zwei anderen gingen noch etwas zu essen einkaufen, wir verabredeten uns aber für halb sieben zum Abendessen.
Wir waren absolut pünktlich - und das, obwohl wir keine Uhr dabei hatten. Steve und Chris saßen schon da - und hatten bereits gegessen. So aßen denn nur Katja und ich etwas, dann genossen wir noch einige kleine Gläschen edlen Malts. Chris und Katja kamen dabei ebenfalls nicht zu kurz. Die beiden gingen dennoch recht früh, weil sie vorher wenig Schlaf gekriegt hatten, und so gingen auch wir zu unserer Unterkunft, um zu duschen (die Dusche und das Waschbecken waren direkt im recht engen Zimmer untergebracht, wohingegen man sich die einzige Toilette mit vier oder fünf anderen Räumen teilen musste). Ich schrieb Tagebuch, danach schauten wir, ob Italien oder Spanien rausfliegt. Spanien kam weiter.
Ob wir Chris und Steve wiedertreffen? Jedenfalls haben wir E-Mail-Adressen ausgetauscht und wollen locker in Kontakt bleiben.
Donnerstag, 19. Juni 2008
Drymen-Cashel, 16 Kilometer
Am meisten schmerzte an diesem Morgen meine rechte Achillessehne. Sollte es gestern vielleicht doch ein wenig zu heftig gewesen sein? Mehr als 20 km gleich am ersten Tag war vielleicht doch ein bisschen zu heftig. Immerhin bewege ich insgesamt 105 Kilogramm an Masse durch die Gegend. Aber später, nach dem ersten kräftigen Regenguss, nach dem Anziehen des kompletten Regengeraffels, dem darauf beinahe folgenden Hitzschlag durch starke Sonneneinwirkung, nach etlichen Aufs und etlichen Abs, nach dem Auf- und dem Abstieg auf und vom Conic Hill sowie einem anschließenden Marsch von weiteren sechs Kilometern gab es nur wenige Quadratzentimeter meines Körpers, die nicht ebenso sehr schmerzten wie die Achillessehne. Die Fingernägel zum Beispiel taten nicht so doll weh. Auch Zahnschmerzen hatte ich nicht.
Katja ging es ebenso, aber ihr geschieht es wenigstens recht, denn sie wollte unbedingt auf den "nur" 350 Meter hohen Conic Hill, statt die bequemere Alternativroute zu gehen. Conic Hill ist nicht etwa konisch. Der Name stammt - etwas anders geschrieben - aus dem Gälischen und bedeutet in etwa "der Morastige". Das ist allerdings ein Merkmal, das nur auf den zweiten Blick offenbar wird. Hätte ich als Kelte das Recht gehabt, den Berg mit einem Namen zu belegen, so hätte ich ihn wohl eher "der Liebernichtmitvielgepäckzubesteigende" genannt. Denn er ist steil. Er ist sehr steil. Wir sind die weniger anstrengende Seite hochgestiegen, dafür hatten wir dann den Zonk beim Abstieg über unebene Stufen mit viel zu großer Schrittweite oder über felsiges Geröll.
Als wir endlich mit zitternden Knien unten im Ort Balmaha ankamen, hätten wir beinahe beide Lobpreisungen an den HERRN angestimmt. In Balmaha gab es ein Pub namens "Oak Tree Inn" (Motto: "Muddy Boots are Welcome"). Es war uns schon von einem Paar aus Leeds empfohlen worden, die in Drymen neben uns gefrühstückt hatten und die wir im Verlauf des Tages zweimal trafen. Hier versorgten wir uns für wenig Geld mit reichlich Sandwiches (die werden hier meistens mit Kartoffelchips gereicht - seltsame Sitte), dann ging es weiter ans Ufer des Loch Lomonds. Das Loch Lomond (Loch spricht sich übrigens *nicht* "Lok", sondern tatsächlich wie ein richtiges, deutsches "Loch") ist Schottlands größter See, und ein Loch kann fast alles sein, was mit Wasser zu tun hat: ein schmaler See, ein breiter See, ein runder See, ein Fjord, eine längliche Meeresbucht. Und wir liefen ab sofort an seinem Ufer entlang. Zunächst für vier Kilometer, wo der erste Campingplatz lag. Doch wir entschieden uns demokratisch in einer Urabstimmung dafür, zum nächsten Platz weiterzugehen, der nur zwei Kilometer entfernt war.
Hätten wir es mal gelassen.
Der West Highland Way hatte von nun an einige Überraschungen in Sachen plötzlicher Auf- und Abstiege in petto. Gleichzeitig wurde der Wind, der schon den ganzen Tag über heftig geweht hatte, immer stärker. Als wir schließlich nach nur 16 km Marsch (okay, über einen fiesen Berg rüber) am Campingplatz ankamen, waren wir beide ziemlich fertig. Wir bauten unser Zelt auf (laut Hersteller geht das auch bei starkem Wind mit nur einer Person, und was soll ich sagen: Es stimmt! Allerdings machten wir das dennoch zu zweit), verstauten die Sachen und begannen, Essen zu kochen.
Traditionell hätte es eine Dose Ravioli pro Person geben müssen, aber diese Tradition hat ein echt gewichtiges Problem. Statt also Konserven zu schleppen hatten wir vorab Convenience-Food gekauft, also diese Nudelgerichte in Tüten, die man in Wasser kippt und ein bisschen kocht. Die machen satt, schmecken besser als das Zeug aus den Bundeswehr-EPAs und sind verhältnismäßig klein und leicht. So gab es denn also Spiralnudeln in Bolognesesoße - und die haben fast geschmeckt wie meine geliebten Ravioli. Und sie sahen auch fast so aus.
Nach dem Essen und dem Abwasch ging es unter die heiße Dusche. Dieser Campingplatz hat richtig schöne, saubere Sanitäreinrichtungen, die nicht nur gut aussehen und funktional sind, sondern die auch noch gut riechen. Und sie sind Code-gesichert. Den Code gab es beim Einchecken.
Heute läuft Fußball: Deutschland gegen Portugal. Da Deutschland vermutlich eh keine Chance hat, sparen wir uns die zwei Meilen zum nächsten Pub. Statt dessen gehen wir lieber pennen. Vielleicht hilft das, der Muskelschmerzen Herr zu werden? Besonders schlimm sind momentan die Schultern wegen des Gewichts des Rucksacks. Und natürlich die Achillessehne.
Katja ging es ebenso, aber ihr geschieht es wenigstens recht, denn sie wollte unbedingt auf den "nur" 350 Meter hohen Conic Hill, statt die bequemere Alternativroute zu gehen. Conic Hill ist nicht etwa konisch. Der Name stammt - etwas anders geschrieben - aus dem Gälischen und bedeutet in etwa "der Morastige". Das ist allerdings ein Merkmal, das nur auf den zweiten Blick offenbar wird. Hätte ich als Kelte das Recht gehabt, den Berg mit einem Namen zu belegen, so hätte ich ihn wohl eher "der Liebernichtmitvielgepäckzubesteigende" genannt. Denn er ist steil. Er ist sehr steil. Wir sind die weniger anstrengende Seite hochgestiegen, dafür hatten wir dann den Zonk beim Abstieg über unebene Stufen mit viel zu großer Schrittweite oder über felsiges Geröll.
Als wir endlich mit zitternden Knien unten im Ort Balmaha ankamen, hätten wir beinahe beide Lobpreisungen an den HERRN angestimmt. In Balmaha gab es ein Pub namens "Oak Tree Inn" (Motto: "Muddy Boots are Welcome"). Es war uns schon von einem Paar aus Leeds empfohlen worden, die in Drymen neben uns gefrühstückt hatten und die wir im Verlauf des Tages zweimal trafen. Hier versorgten wir uns für wenig Geld mit reichlich Sandwiches (die werden hier meistens mit Kartoffelchips gereicht - seltsame Sitte), dann ging es weiter ans Ufer des Loch Lomonds. Das Loch Lomond (Loch spricht sich übrigens *nicht* "Lok", sondern tatsächlich wie ein richtiges, deutsches "Loch") ist Schottlands größter See, und ein Loch kann fast alles sein, was mit Wasser zu tun hat: ein schmaler See, ein breiter See, ein runder See, ein Fjord, eine längliche Meeresbucht. Und wir liefen ab sofort an seinem Ufer entlang. Zunächst für vier Kilometer, wo der erste Campingplatz lag. Doch wir entschieden uns demokratisch in einer Urabstimmung dafür, zum nächsten Platz weiterzugehen, der nur zwei Kilometer entfernt war.
Hätten wir es mal gelassen.
Der West Highland Way hatte von nun an einige Überraschungen in Sachen plötzlicher Auf- und Abstiege in petto. Gleichzeitig wurde der Wind, der schon den ganzen Tag über heftig geweht hatte, immer stärker. Als wir schließlich nach nur 16 km Marsch (okay, über einen fiesen Berg rüber) am Campingplatz ankamen, waren wir beide ziemlich fertig. Wir bauten unser Zelt auf (laut Hersteller geht das auch bei starkem Wind mit nur einer Person, und was soll ich sagen: Es stimmt! Allerdings machten wir das dennoch zu zweit), verstauten die Sachen und begannen, Essen zu kochen.
Traditionell hätte es eine Dose Ravioli pro Person geben müssen, aber diese Tradition hat ein echt gewichtiges Problem. Statt also Konserven zu schleppen hatten wir vorab Convenience-Food gekauft, also diese Nudelgerichte in Tüten, die man in Wasser kippt und ein bisschen kocht. Die machen satt, schmecken besser als das Zeug aus den Bundeswehr-EPAs und sind verhältnismäßig klein und leicht. So gab es denn also Spiralnudeln in Bolognesesoße - und die haben fast geschmeckt wie meine geliebten Ravioli. Und sie sahen auch fast so aus.
Nach dem Essen und dem Abwasch ging es unter die heiße Dusche. Dieser Campingplatz hat richtig schöne, saubere Sanitäreinrichtungen, die nicht nur gut aussehen und funktional sind, sondern die auch noch gut riechen. Und sie sind Code-gesichert. Den Code gab es beim Einchecken.
Heute läuft Fußball: Deutschland gegen Portugal. Da Deutschland vermutlich eh keine Chance hat, sparen wir uns die zwei Meilen zum nächsten Pub. Statt dessen gehen wir lieber pennen. Vielleicht hilft das, der Muskelschmerzen Herr zu werden? Besonders schlimm sind momentan die Schultern wegen des Gewichts des Rucksacks. Und natürlich die Achillessehne.
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Mittwoch, 18. Juni 2008
Milngavie–Drymen, 21 Kilometer
Wir wachten gut entspannt auf, obwohl uns die Geräusche des Hauses ("Tropft da was?") manchmal etwas irritiert hatten. Nach einem umfangreichen Frühstück ging es los, zunächst zur Tankstelle, die wir gestern gefunden hatten. Leider war dort kein Benzin für den Kocher zu bekommen – wegen eines Streiks gab es nur noch Diesel, was sich nicht lohnt, und darum war gleich die ganze Tankstelle zu. Das Touristbüro verkaufte Camping-Gaz-Kartuschen und Terpentin – aber keinen "Coleman Fuel". Coleman Fuel gibt es auch bei uns, aber hier ist es ähnlich synonym für Benzinkocherbenzin wie bei uns Tempo für Papiertaschentücher und Tesa für transparentes Klebeband. Jeder weiß, was gemeint ist. Dennoch sind Kocher für Coleman Fuel in Schottland leider totaaal unüblich, wie uns die junge Dame im Touristbüro versicherte, was daran liege, dass Coleman Fuel sechs bis acht Pfund pro Liter koste und der Schotte bekanntlich in seinem Ausgabenverhalten eher dem Schwaben gleicht. Verkauft werden darf der Coleman Fuel zudem ebenfalls kaum, nämlich nicht in Gebieten, in denen Menschen unmittelbar wohnen – wegen der eklatanten Explosionsgefahr. Gaskartuschen und Terpentin sind dagegen natürlich völlig harmlos. Besonders in großen Mengen. Die nächste Tankstelle könnte es in Drymen geben – dort müssen wir also heute hin. Das sind über 20 km. Eine fiese erste Etappe.
Also verließen wir Milngavie ohne Benzin, dafür frohen Mutes. Schon nach wenigen hundert Metern eröffneten sich links und rechts Blicke auf die "Moors". Moors sind nicht bloß Moore im deutschen Sinne, sondern auch Sümpfe, trockene und nasse Heidegebiete und ganz allgemein auch mystische Landschaften.
Wir wurden von einem einsamen Wanderer überholt, als wir gerade einen Schluck Wasser tranken. Dann trottete er einen Kilometer weit ein paar Meter entfernt vor uns her, immer im gleichen Tempo wie auch wir. Schließich hielt er an, um einen Blick auf die Karte zu werfen. In Wahrheit, so vermuteten wir, ließ er uns passieren. Wer alleine wandert, will in der Regel auch alleine sein, und ansonsten spricht er jemanden anders an. Entsprechend zockelte er dann hinter uns drein, etwa 300 bis 500 Meter entfernt. Plötzlich wurde er durch Shitloads of People (© Annett) verschluckt, die sich in großer Eile einer schäumenden Woge gleich heranwälzten. Es waren Männer und Frauen jeden Alters und bar jeder vernünftigen Flüssigkeitsversorgung, dafür mit jeder Menge für eine Wanderung ungeeignetem Schuhwerk ausgestattet. Sie holten auch uns ein, verschluckten uns an der Spitze und spien uns an ihrem Ende wieder aus. All dies geschah in einer wundervollen, offenen Hügellandschaft (den Lowlands) mit Blick auf ungewöhnliche Vögel mit säbelförmigen Schnäbeln.
Zäune und Wälle mussten wir übersteigen. Wo der Weg einen Zaun kreuzt, sind Stiegen eingebaut, über die man recht bequem die Seiten wechseln kann. Bei der zweiten Stiege half uns jemand aus der letzten Kleingruppe der Shitloads of People©, die wir mittlerweile wieder eingeholt hatten – er sprach Katja in lupenreinem Deutsch an, ob er helfen dürfe. Im anschließenden Gespräch stellte sich heraus, dass die vielen Leute zu einer deutschen Biotechfirma gehörten, deren schottische Tochter heute ihren Wandertag hatte. Im Sichtfeld unserer ersten gesichteten Whisky-Destillerie (Glengoyne) verabschiedeten wir uns voneinander. Sie gingen weiter, wir machten an einer Wegkreuzung Mittagspause.
Während wir darauf warteten, dass sich unsere Muskeln nicht mehr protestierend gegen uns erhoben und wir entsprechend weitergehen konnten (und dass unsere schweißgetränkten Klamotten trockneten) klebte sich Katja Pflaster auf die ersten Schubberstellen an ihren Hüften. Dann trafen ein Paar aus Philadelphia, danach vier Damen aus North Carolina ein. Auch sie wollten bis Fort William wandern – allerdings mit sehr leichtem Gepäck: ein bisschen Wasser, ein bisschen Essen, Regenbekleidung. Der Rest wird mit einem Transportservice von Etappe zu Etappe transportiert. Niedlich war die jüngste der vier Nordkarolinerinnen: Als sie hörte, dass wir aus Deutschland kommen, sagte sie "Ah, that's why I can understand you". Schön, dass auch native Sprecher Sprachprobleme in dieser Gegend haben (Mollgäi?).
Anschließend liefen wir Kilometer um Kilometer auf einer alten Bahntrasse ohne Schienen entlang. Laaaaaaangweilig. Ab und an kam zur Abwechslung ein Gatter, das zu öffnen und zu schließen war (Katja: "Diese Dinger gehen mir jetzt schon auf den Keks"), aber das war's dann auch. Bei etwa Kilometer 16 gab es ein Café mit einer gemähten Wiese, die als wilder, aber genehmigter Campingplatz fungierte. Das Café namens Wishingwell Farmhouse hatte durchaus ernst zu nehmende Gerichte auf der Karte. Wir hatten eine gebackene Kartoffel (Katja) und ein Sandwich (ich), beide mit Cream Cheese und Lachs aus der Gegend. Sehr, sehr empfehlenswert! Doch zum Bleiben war es noch zu früh, deshalb gingen wir wieder. Den nächsten Campingplatz in zwei Kilometer Entfernung wollten wir uns auch noch ansehen.
Hätten wir es mal bleiben lassen.
Denn nun wurde es so richtig anstrengend, und das zum Ende des Tages. Wir gerieten in die Ausläufer der Highlands. Hügel um Hügel erklommen wir, und die Aufstiege waren teilweise ziemlich heftig. Schließlich kamen wir ziemlich gerädert beim Campingplatz an, mit dem Gedanken an ein schönes, fettiges, schottisches Frühstück morgen früh und ein schönes, fettiges Abendessen heute Abend. Aber das gibt es nur in B&Bs und Pubs, nicht auf improvisierten Zeltplätzen auf Farmhousegelände inmitten der Lowland-Pampa. Darum tasteten sich unsere Gedanken schon einmal vorsichtig bis Drymen vor, wo wir ohnehin eigentlich des Sprits wegen noch hinwollten.
Doch erst einmal trafen wir wieder auf den einsamen Wanderer von vorhin. Er kommt aus Glasgow und wandert wie wir mit Gepäck nach Fort William. Gemeinsam gingen wir zum Büro des Campingplatzes, wo er seine fünf Pfund für die Nacht bezahlte. Ich, noch unschlüssig, ob wir bleiben würden, fragte den Inhaber nach Coleman Fuel. Er nahm mich mit nach hinten, wo er einen 20-Liter-Benzinkanister hervorkramte und großzügig in meine 0,6-Liter-Spritflasche eingoss. Geld wollte er keines haben, aber ich nötigte ihm dennoch zwei Pfund auf, denn wir blieben nicht, wie Katja in der Zwischenzeit beschlossen hatte.
Weiter ging es ins zwei Kilometer entfernte Drymen, wo wir ein B&B und ein Pub fanden. Der Wirt hatte etwa unser Alter und wollte 70 (!) Pfund für die Nacht haben. Wir sagten ihm, dass sei außerhalb jeglicher Diskussion und machten Anstalten zu gehen. Erst senkte er den Preis auf 60 Pfund, schließlich auf 56. Der Campingplatz hätte 5 Pfund pro Nase gekostet...
Drymen ist klein. 800 Einwohner soll es laut Reiseführer geben. Dennoch gibt es viel Touristennepp: "Kunst", "Töpferhandwerk" und so ein Zeug. Muss daran liegen, dass das größte Gebäude des Ortes das zentral am Platz gelegene Best-Western-Hotel ist, wo busladungsweise ältere Herrschaften absteigen. Zudem existiert noch ein Outdoorladen, ein Post Office und ein Spar-Supermarkt, in dem wir uns eindeckten: neues Wasser, Brot, Käse aus der Tube, Äpfel und – Katjas Tagesstreckenbelohnung – eine Tüte Thai-Sweet-Chili-Kartoffelchips. Im Edeka bei uns umme Ecke hätte dieser Einkauf etwas unter 20 Euro gekostet (da kostet *alles* um 20 Euro, egal, wie voll der Einkaufswagen ist. Erstaunlich, aber seit der Euroeinführung immer wieder bestätigt worden. Vor der Euroeinführung waren es übrigens immer um 20 *Mark*). Hier bezahlten wir exakt 5 Pfund und 80 Pence. Und das, so sagte uns der Wirt, obwohl die Lebensmittelpreise in den letzten zwei Monaten um fast 50 % gestiegen seien und Spar ohnehin die Apotheke unter den schottischen Supermärkten sei.
Schließlich streckten wir uns kurz im Bett aus. Katja entschied sich für ein Nickerchen, ich ging stattdessen ins Pub, um das Tagebuch zu führen.
Die wichtigste Nachricht des Tages: Uns tut alles weh. Alles. Die zweitwichtigste: Lokale Spezialität sind Pommes, überhäuft mit geriebenem Cheddar-Käse. Ziemlich fettig, das Ganze. Das Coleslaw (wer es nicht kennt: Das ist eine Art Krautsalat, nur besser, aus Weißkohl, Möhren und Zwiebeln in Mayonnaise) war erheblich besser. Kaum war mein Essen am Tisch, kam wie auf Kommando Katja ins Pub. Meinen Glengoyne-Malt wollte sie nicht, stattdessen bestellte sie Pommes (schlauerweise ohne den Käse) und ein halbes Pint Cider. Ich schloss mich dem Cider an, nahm aber ein ganzes Pint.
Unterdessen starteten die Spiele Schweden-Russland und Griechenland-Spanien. Nach der 1. Halbzeit verließen wir jedoch die Spelunke und dackelten – besser: eierten – heim. Mal sehen, wie es uns morgen so geht. Katja sagt, dass meine Füße müffeln.
Also verließen wir Milngavie ohne Benzin, dafür frohen Mutes. Schon nach wenigen hundert Metern eröffneten sich links und rechts Blicke auf die "Moors". Moors sind nicht bloß Moore im deutschen Sinne, sondern auch Sümpfe, trockene und nasse Heidegebiete und ganz allgemein auch mystische Landschaften.
Wir wurden von einem einsamen Wanderer überholt, als wir gerade einen Schluck Wasser tranken. Dann trottete er einen Kilometer weit ein paar Meter entfernt vor uns her, immer im gleichen Tempo wie auch wir. Schließich hielt er an, um einen Blick auf die Karte zu werfen. In Wahrheit, so vermuteten wir, ließ er uns passieren. Wer alleine wandert, will in der Regel auch alleine sein, und ansonsten spricht er jemanden anders an. Entsprechend zockelte er dann hinter uns drein, etwa 300 bis 500 Meter entfernt. Plötzlich wurde er durch Shitloads of People (© Annett) verschluckt, die sich in großer Eile einer schäumenden Woge gleich heranwälzten. Es waren Männer und Frauen jeden Alters und bar jeder vernünftigen Flüssigkeitsversorgung, dafür mit jeder Menge für eine Wanderung ungeeignetem Schuhwerk ausgestattet. Sie holten auch uns ein, verschluckten uns an der Spitze und spien uns an ihrem Ende wieder aus. All dies geschah in einer wundervollen, offenen Hügellandschaft (den Lowlands) mit Blick auf ungewöhnliche Vögel mit säbelförmigen Schnäbeln.
Zäune und Wälle mussten wir übersteigen. Wo der Weg einen Zaun kreuzt, sind Stiegen eingebaut, über die man recht bequem die Seiten wechseln kann. Bei der zweiten Stiege half uns jemand aus der letzten Kleingruppe der Shitloads of People©, die wir mittlerweile wieder eingeholt hatten – er sprach Katja in lupenreinem Deutsch an, ob er helfen dürfe. Im anschließenden Gespräch stellte sich heraus, dass die vielen Leute zu einer deutschen Biotechfirma gehörten, deren schottische Tochter heute ihren Wandertag hatte. Im Sichtfeld unserer ersten gesichteten Whisky-Destillerie (Glengoyne) verabschiedeten wir uns voneinander. Sie gingen weiter, wir machten an einer Wegkreuzung Mittagspause.
Während wir darauf warteten, dass sich unsere Muskeln nicht mehr protestierend gegen uns erhoben und wir entsprechend weitergehen konnten (und dass unsere schweißgetränkten Klamotten trockneten) klebte sich Katja Pflaster auf die ersten Schubberstellen an ihren Hüften. Dann trafen ein Paar aus Philadelphia, danach vier Damen aus North Carolina ein. Auch sie wollten bis Fort William wandern – allerdings mit sehr leichtem Gepäck: ein bisschen Wasser, ein bisschen Essen, Regenbekleidung. Der Rest wird mit einem Transportservice von Etappe zu Etappe transportiert. Niedlich war die jüngste der vier Nordkarolinerinnen: Als sie hörte, dass wir aus Deutschland kommen, sagte sie "Ah, that's why I can understand you". Schön, dass auch native Sprecher Sprachprobleme in dieser Gegend haben (Mollgäi?).
Anschließend liefen wir Kilometer um Kilometer auf einer alten Bahntrasse ohne Schienen entlang. Laaaaaaangweilig. Ab und an kam zur Abwechslung ein Gatter, das zu öffnen und zu schließen war (Katja: "Diese Dinger gehen mir jetzt schon auf den Keks"), aber das war's dann auch. Bei etwa Kilometer 16 gab es ein Café mit einer gemähten Wiese, die als wilder, aber genehmigter Campingplatz fungierte. Das Café namens Wishingwell Farmhouse hatte durchaus ernst zu nehmende Gerichte auf der Karte. Wir hatten eine gebackene Kartoffel (Katja) und ein Sandwich (ich), beide mit Cream Cheese und Lachs aus der Gegend. Sehr, sehr empfehlenswert! Doch zum Bleiben war es noch zu früh, deshalb gingen wir wieder. Den nächsten Campingplatz in zwei Kilometer Entfernung wollten wir uns auch noch ansehen.
Hätten wir es mal bleiben lassen.
Denn nun wurde es so richtig anstrengend, und das zum Ende des Tages. Wir gerieten in die Ausläufer der Highlands. Hügel um Hügel erklommen wir, und die Aufstiege waren teilweise ziemlich heftig. Schließlich kamen wir ziemlich gerädert beim Campingplatz an, mit dem Gedanken an ein schönes, fettiges, schottisches Frühstück morgen früh und ein schönes, fettiges Abendessen heute Abend. Aber das gibt es nur in B&Bs und Pubs, nicht auf improvisierten Zeltplätzen auf Farmhousegelände inmitten der Lowland-Pampa. Darum tasteten sich unsere Gedanken schon einmal vorsichtig bis Drymen vor, wo wir ohnehin eigentlich des Sprits wegen noch hinwollten.
Doch erst einmal trafen wir wieder auf den einsamen Wanderer von vorhin. Er kommt aus Glasgow und wandert wie wir mit Gepäck nach Fort William. Gemeinsam gingen wir zum Büro des Campingplatzes, wo er seine fünf Pfund für die Nacht bezahlte. Ich, noch unschlüssig, ob wir bleiben würden, fragte den Inhaber nach Coleman Fuel. Er nahm mich mit nach hinten, wo er einen 20-Liter-Benzinkanister hervorkramte und großzügig in meine 0,6-Liter-Spritflasche eingoss. Geld wollte er keines haben, aber ich nötigte ihm dennoch zwei Pfund auf, denn wir blieben nicht, wie Katja in der Zwischenzeit beschlossen hatte.
Weiter ging es ins zwei Kilometer entfernte Drymen, wo wir ein B&B und ein Pub fanden. Der Wirt hatte etwa unser Alter und wollte 70 (!) Pfund für die Nacht haben. Wir sagten ihm, dass sei außerhalb jeglicher Diskussion und machten Anstalten zu gehen. Erst senkte er den Preis auf 60 Pfund, schließlich auf 56. Der Campingplatz hätte 5 Pfund pro Nase gekostet...
Drymen ist klein. 800 Einwohner soll es laut Reiseführer geben. Dennoch gibt es viel Touristennepp: "Kunst", "Töpferhandwerk" und so ein Zeug. Muss daran liegen, dass das größte Gebäude des Ortes das zentral am Platz gelegene Best-Western-Hotel ist, wo busladungsweise ältere Herrschaften absteigen. Zudem existiert noch ein Outdoorladen, ein Post Office und ein Spar-Supermarkt, in dem wir uns eindeckten: neues Wasser, Brot, Käse aus der Tube, Äpfel und – Katjas Tagesstreckenbelohnung – eine Tüte Thai-Sweet-Chili-Kartoffelchips. Im Edeka bei uns umme Ecke hätte dieser Einkauf etwas unter 20 Euro gekostet (da kostet *alles* um 20 Euro, egal, wie voll der Einkaufswagen ist. Erstaunlich, aber seit der Euroeinführung immer wieder bestätigt worden. Vor der Euroeinführung waren es übrigens immer um 20 *Mark*). Hier bezahlten wir exakt 5 Pfund und 80 Pence. Und das, so sagte uns der Wirt, obwohl die Lebensmittelpreise in den letzten zwei Monaten um fast 50 % gestiegen seien und Spar ohnehin die Apotheke unter den schottischen Supermärkten sei.
Schließlich streckten wir uns kurz im Bett aus. Katja entschied sich für ein Nickerchen, ich ging stattdessen ins Pub, um das Tagebuch zu führen.
Die wichtigste Nachricht des Tages: Uns tut alles weh. Alles. Die zweitwichtigste: Lokale Spezialität sind Pommes, überhäuft mit geriebenem Cheddar-Käse. Ziemlich fettig, das Ganze. Das Coleslaw (wer es nicht kennt: Das ist eine Art Krautsalat, nur besser, aus Weißkohl, Möhren und Zwiebeln in Mayonnaise) war erheblich besser. Kaum war mein Essen am Tisch, kam wie auf Kommando Katja ins Pub. Meinen Glengoyne-Malt wollte sie nicht, stattdessen bestellte sie Pommes (schlauerweise ohne den Käse) und ein halbes Pint Cider. Ich schloss mich dem Cider an, nahm aber ein ganzes Pint.
Unterdessen starteten die Spiele Schweden-Russland und Griechenland-Spanien. Nach der 1. Halbzeit verließen wir jedoch die Spelunke und dackelten – besser: eierten – heim. Mal sehen, wie es uns morgen so geht. Katja sagt, dass meine Füße müffeln.
Dienstag, 17. Juni 2008
Das letzte echte kontinentale Frühstück
Oh graus! Langsam legt sich Panik über uns: Heute früh haben wir ein letztes Mal unsere Toilette genossen – und unsere Dusche. Ab sofort heißt es statt dessen Donnerbalken und Regen. Doch gerade sitzen wir beim Frühstück, und das ist der eigentliche Grund für die Panik. Statt einer Schüssel Müsli mit All-Brans (die heißen heute albernerweise "DayVita", wohl um es *noch* gesünder klingen zu lassen) gibt es künftig nur noch Haggis und bitteren Tee mit Milch. Trotzdem freuen wir uns, dass es endlich losgeht! :-)
Im Moment bemühe ich mich noch, eine Bleibe für heute Abend in Milngavie zu finden (den Ort spricht man in etwa "Mallgäi" aus. Die spinnen, die Kelten), was ein nördlicher Vorort Glasgows und der Ausgangspunkt des West Highland Ways ist. Leider ist das Nest recht klein, so dass es nicht sonderlich viele Unterkünfte gibt. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Und mal sehen, von wo aus ich mich das nächste Mal melden kann…
Im Moment bemühe ich mich noch, eine Bleibe für heute Abend in Milngavie zu finden (den Ort spricht man in etwa "Mallgäi" aus. Die spinnen, die Kelten), was ein nördlicher Vorort Glasgows und der Ausgangspunkt des West Highland Ways ist. Leider ist das Nest recht klein, so dass es nicht sonderlich viele Unterkünfte gibt. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Und mal sehen, von wo aus ich mich das nächste Mal melden kann…
Samstag, 15. März 2008
Apropos Verpflegung…
Wenn ich wandern / paddeln / zelten etc. gehe, habe ich immer eine (große!) Dose Maggi-Ravioli pro Person im Gepäck. Am Abend des ersten Tages wird die warm gemacht (oder notfalls kalt gegessen). Das hat zwei angenehme Effekte: Erstens wird man satt, zweitens ist das Gepäck nicht mehr so schwer :o) Habt ihr auch so Sitten und Gebräuche bei der Verpflegung?
Mittwoch, 12. März 2008
Trockenwasser
Einst hatte ich eine Freundin, die war lieb und nett, aber auch ein bisschen etepetete. Ihren Urlaub machte sie grundsätzlich auf Sylt, und da dann auch nur in Kampen, denn alles andere sei ihr zu prolomäßig. Ich bin gespannt, was die Gute in zehn Jahren macht, wenn der Klimawandel aus Sylt die teuerste Sandbank der Welt gemacht hat. Aber das führt jetzt zu weit.
Dieses Mädel jedenfalls rümpfte stets die Nase, wenn ich vom Wandern und Paddeln und Zelten erzählte, denn "Igitt, da ist es dreckig und Tiere und Mücken und eklig und keine Dusche" und so weiter und so fort. Und außerdem könne man ja nicht genug Wasser trinken. Wieso das denn nicht, wollte ich wissen. Na, sagte sie, so eine SIGG-Buddel sei doch ganz schnell leer, und dann habe man kein Wasser mehr. Naja, argumentierte ich, das stimme schon, aber dafür habe man ja schließlich die zweite Wasserflasche dabei. Und gegebenenfalls die dritte. Oder einen großen Wassersack Nein, das wäre ihr zu schwer, und am liebsten würde sie ja auch aus dem Bachlauf trinken, aber das könne man in zivilisierten Gegenden ja leider nicht. Ah, dachte ich mir, sie kennt Micropur noch nicht! Darum klärte ich sie auf:
"Also, da gibt es so Tabletten, die schmeißt du in Bachwasser rein, und die Chemikalie tötet dann die ganzen Keime. Nach ein paar Minuten dekantierst du das saubere Wasser und gut ist." – "Ach? Sowas gibt's?" –"Ja", sagte ich, "und das Neuste auf dem Markt ist Trockenwasser." – "Hä?" – "Trockenwasser. Das ist so eine Tablette, sieht aus wie eine Vitaminsprudeltablette, da musst du nur Feuchtigkeit zugeben, dann sprudelt es ein bisschen und du bekommst klares Wasser." – Einundzwanzigzweiundzwanzig. Nichts. Konsternierter Blick ihrerseits. Als ich mich nach fünf Sekunden vor Lachen nicht mehr halten konnte, fiel dann auch bei ihr der Groschen.
Seitdem ist "Trockenwasser" der Running Gag der Familie. Nach dieser Freundin kamen noch zwei weitere Freundinnen (die letzte davon ist jetzt meine Frau), und immer wenn ich jemanden veralbern will, heißt es "Jaja, Trockenwasser…"
Dieses Mädel jedenfalls rümpfte stets die Nase, wenn ich vom Wandern und Paddeln und Zelten erzählte, denn "Igitt, da ist es dreckig und Tiere und Mücken und eklig und keine Dusche" und so weiter und so fort. Und außerdem könne man ja nicht genug Wasser trinken. Wieso das denn nicht, wollte ich wissen. Na, sagte sie, so eine SIGG-Buddel sei doch ganz schnell leer, und dann habe man kein Wasser mehr. Naja, argumentierte ich, das stimme schon, aber dafür habe man ja schließlich die zweite Wasserflasche dabei. Und gegebenenfalls die dritte. Oder einen großen Wassersack Nein, das wäre ihr zu schwer, und am liebsten würde sie ja auch aus dem Bachlauf trinken, aber das könne man in zivilisierten Gegenden ja leider nicht. Ah, dachte ich mir, sie kennt Micropur noch nicht! Darum klärte ich sie auf:
"Also, da gibt es so Tabletten, die schmeißt du in Bachwasser rein, und die Chemikalie tötet dann die ganzen Keime. Nach ein paar Minuten dekantierst du das saubere Wasser und gut ist." – "Ach? Sowas gibt's?" –"Ja", sagte ich, "und das Neuste auf dem Markt ist Trockenwasser." – "Hä?" – "Trockenwasser. Das ist so eine Tablette, sieht aus wie eine Vitaminsprudeltablette, da musst du nur Feuchtigkeit zugeben, dann sprudelt es ein bisschen und du bekommst klares Wasser." – Einundzwanzigzweiundzwanzig. Nichts. Konsternierter Blick ihrerseits. Als ich mich nach fünf Sekunden vor Lachen nicht mehr halten konnte, fiel dann auch bei ihr der Groschen.
Seitdem ist "Trockenwasser" der Running Gag der Familie. Nach dieser Freundin kamen noch zwei weitere Freundinnen (die letzte davon ist jetzt meine Frau), und immer wenn ich jemanden veralbern will, heißt es "Jaja, Trockenwasser…"
Von Hartkeksen und Hackfleischrisotto
Während ich vorhin den Beitrag zum Dosenburger verfasste, traten mir die ganzen Schrecken meiner Kindheit vor Augen. Als ich 1985 mit 13 Jahren und meinem Papa in Schweden war (im Pouch-Faltboot den Dålsland-Kanal entlang), hatten wir eine Menge Bundeswehr-Einmannrationen dabei. Diese EPA genannten Pappkartons enthalten 3500 Kalorien in Form von Fertignahrung, Schokolade, Tubenschmelzkäse und Keksen. Insbesondere die Kekse hatten (und haben!) es mir angetan: der Hartkeks.
Es gibt eine Menge Gerüchte um ihn, den kleinen Hartkeks. So wird kolportiert, man könne sich quasi kugeldicht machen, wenn man nur genug Hartkekse am Körper trage. Auch lasse sich mit ihm unter Zuhilfenahme der ziemlich öligen Bundeswehr-Schuhcreme ein bezauberndes Lagerfeuer entfachen. Kann alles sein. Mir schmeckt er einfach. In seiner Packung ist er geschätzte tausend Jahre haltbar, aber wehe, die Packung bekommt ein Loch – dann werden die Kekse darin ziemlich rasch ranzig. Da hilft dann nur eins: schnell aufessen. :o)
Was die Fertiggerichte in den EPAs angeht, bin ich zwiegespalten, denn es gibt – wie ich später während des Wehrdienstes feststellen durfte – durchaus leckere Varianten. Man kann sie sowohl warm als auch kalt essen, was sicherlich auch für Ravioli aus der Dose gilt, aber damals in Schweden hatten wir halt eine große Menge EPAs und eine gegen Null tendierende Menge Dosenravioli. Unsere EPAs waren alle vom selben Typ: In ihnen enthalten waren lecker klingende Gerichte wie Linsensuppe mit Würstchen und Hackfleischrisotto. Ersteres schmeckte wie es klang: bodenständig und ehrlich, kalt wie warm. Aber dieses Hackfleischrisotto... baaaaah! Wenn ich daran denke, bekomme ich noch heute den Geruch von dem Zeugs wieder in die Nase, und das ist immerhin 23 Jahre her.
Das Hackfleischrisotto wurde von einem leicht säuerlichen Geschmack begleitet, der wohl eine feine Weinnote darstellen sollte, aber so gar nicht zum Hackfleisch passte. Eben jenes machte auch optisch nicht all zu viel her: matschige, braune Plocken zwischen aufgedunsenen, toten Minimaden gleichen Reiskörnchen. Alles undefinierbar, und nach der ersten Gabel voll war mir bereits nicht mehr gut. Ich habe es in allen Varianten probiert: kalt und warm, mit Brot und ohne, mit hingucken und mit zugekniffenen Augen. Einzig erträglich war das Zeug mit zugehaltener Nase, aber da machte dann das Schlucken keinen Spaß.
Ich habe das Hackfleischrisotto überlebt, und beim Bund 1992/93 habe ich das gefürchtete Zeug nicht mehr bekommen. Da gab es dann andere Variationen der Feldcuisine.
Es gibt eine Menge Gerüchte um ihn, den kleinen Hartkeks. So wird kolportiert, man könne sich quasi kugeldicht machen, wenn man nur genug Hartkekse am Körper trage. Auch lasse sich mit ihm unter Zuhilfenahme der ziemlich öligen Bundeswehr-Schuhcreme ein bezauberndes Lagerfeuer entfachen. Kann alles sein. Mir schmeckt er einfach. In seiner Packung ist er geschätzte tausend Jahre haltbar, aber wehe, die Packung bekommt ein Loch – dann werden die Kekse darin ziemlich rasch ranzig. Da hilft dann nur eins: schnell aufessen. :o)
Was die Fertiggerichte in den EPAs angeht, bin ich zwiegespalten, denn es gibt – wie ich später während des Wehrdienstes feststellen durfte – durchaus leckere Varianten. Man kann sie sowohl warm als auch kalt essen, was sicherlich auch für Ravioli aus der Dose gilt, aber damals in Schweden hatten wir halt eine große Menge EPAs und eine gegen Null tendierende Menge Dosenravioli. Unsere EPAs waren alle vom selben Typ: In ihnen enthalten waren lecker klingende Gerichte wie Linsensuppe mit Würstchen und Hackfleischrisotto. Ersteres schmeckte wie es klang: bodenständig und ehrlich, kalt wie warm. Aber dieses Hackfleischrisotto... baaaaah! Wenn ich daran denke, bekomme ich noch heute den Geruch von dem Zeugs wieder in die Nase, und das ist immerhin 23 Jahre her.
Das Hackfleischrisotto wurde von einem leicht säuerlichen Geschmack begleitet, der wohl eine feine Weinnote darstellen sollte, aber so gar nicht zum Hackfleisch passte. Eben jenes machte auch optisch nicht all zu viel her: matschige, braune Plocken zwischen aufgedunsenen, toten Minimaden gleichen Reiskörnchen. Alles undefinierbar, und nach der ersten Gabel voll war mir bereits nicht mehr gut. Ich habe es in allen Varianten probiert: kalt und warm, mit Brot und ohne, mit hingucken und mit zugekniffenen Augen. Einzig erträglich war das Zeug mit zugehaltener Nase, aber da machte dann das Schlucken keinen Spaß.
Ich habe das Hackfleischrisotto überlebt, und beim Bund 1992/93 habe ich das gefürchtete Zeug nicht mehr bekommen. Da gab es dann andere Variationen der Feldcuisine.
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Verpflegung
Dosenburger!
Es gibt ja diese Trekking-Mahlzeiten, die alle etwas besser sein sollen als die EPA-Rationen der Bundeswehr (Hackfleischrisotto! [schüttel]). Da gibt es dann Trockengemüse und Trockenfleisch, Trockenrotwein und Trockenlimonade. Das hat alles seinen Sinn, sogar der Trockenrotwein. Aber irgendwo hört der Spaß auf. Und zwar genau hier:

Ich glaube, ich bestelle mir so ein Ding mal und dokumentiere dann eine Auspackzeremonie. Bin gespannt, ob das Ergebnis ebenso appetitlich ist wie das Bild...

Ich glaube, ich bestelle mir so ein Ding mal und dokumentiere dann eine Auspackzeremonie. Bin gespannt, ob das Ergebnis ebenso appetitlich ist wie das Bild...
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